10 Venusfigurinen

Die am deutlichsten lesbare anthropomorphe Abbildung wird im europäischen Gravettien durch die charakteristischen weiblichen Figurinen dargestellt, die als Venus bekannt sind.

Sie wurden, meistens stilisiert, nach dem spezifischen Kanon aus Stein, Ton, Knochen und anderen organischen Rohstoffen geschaffen. Ihre Interpretation wurde im Laufe der Zeit geändert. Zuerst wurden sie für Abbildung von konkreten Menschen, sei es von noch lebenden Frauen oder von verstorbenen Vorfahren, später für Symbole der Fruchtbarkeit, des Lebens, des Heimes, der Fülle oder der Schönheit gehalten, in der letzten Zeit auch für eine Selbstdarstellung der Schöpferinnen selbst.

 

Die Funde der gravettienzeitlichen Venusfigurinen sind weit über den europäischen Raum von Frankreich und Italien über Mähren bis die russischen Ebenen verstreut – zum Beispiel die Fundorte Lausell, Lespugue (→ Exponat 10.5), Grimaldi, Willendorf (→ Exponat 10.6) Dolní Věstonice (→ Exponat 10.4), Pavlov (→ Exponat 10.3), Předmostí (→ Exponat 10.9), Petřkovice (→ Exponat 10.2), Moravany nad Váhom (→ Exponat 10.7), Mezin, Jelisejeviči, Avdějevo (→ Exponat 10.8), Gagarino Kostěnki. Eine Gruppe von weiblichen Statuetten erschien auch im schwesterlichen Paläolithikum Sibiriens, am dortigen Fundort Malta. Wenn man die Venusfiguren vergleicht, zeigt sich eine bestimmte Ähnlichkeit ihrer Ausführung und ihres Stiles, was direkte Beziehungen der Populationen über eine Entfernung von tausenden Kilometern nachweisen kann. Überraschende Analogien zwischen Mittel- und Osteuropa bestehen im Rahmen des zeitlichen Horizonts des jüngeren Gravettien, zum Beispiel zwischen den Frauenstatuetten von Willendorf und Gagarino, oder von Moravany und Kostěnki.

 

Diese Frauenstatuetten, obwohl sie verschiedene Abmessungen der einzelnen Proportionen aufweisen, wurden anscheinend nach einem einheitlichen Kanon geschaffen, welcher auf ähnlichen philosophischen Ausgangspunkt der paläolithischen Gesellschaft beruhte: die ganze Gestalt ist in Form eines Rhombus dargestellt, dessen obere Spitze den Kopf und untere Spitze die Beine andeuten. Dessen seitliche Spitzen stellen die Hüfte dar; der in den Rhombus gezeichnete Inkreis bestimmt den Mutterbauch; vom oberen Kreisrand aus hängen große Brüste nach unten, der untere Kreisrand berührt das Geschlecht. Es hat den Anschein, dass jungpaläolithische Künstler eine nackte Frau in der Hochschwangerschaft abbildeten – darüber hinaus ist der Umriss einer Raute dargestellt, welche wahrscheinlich ein urzeitliches Zeichen für die Vulva war – damit sie dadurch nicht nur symbolisierten, sondern auch im Ritual die gebärende und vermehrende Kraft der Frau positiv beeinflussten. Es ist jene Frau, welcher alle Mitglieder der Gemeinschaft entstammten, in welcher sie die Verkörperung des menschlichen sexuellen Prinzips sahen, welches die Fortsetzung des Lebens sicherstellt.

 

Weder Kopf noch Gesichtszüge oder Augen waren wesentlich, auch die Hände nicht. Die meisten Menschenköpfe waren auf verschiede Weise stilisiert und ihre Ausdrucksfähigkeit bis auf ein Minimum reduziert. An unseren gravettienzeitlichen Fundorten stoßen wir auf einige Modelle von Kopfdarstellungen: ein einfacher Vorsprung, manchmal mit Augen, vor allem mit vier charakteristischen Vertiefungen am Scheitel (Typ der Venus von Věstonice), weiters eine bikonische Form, welche ab und zu an einen Pilz erinnert (nachgewiesen in der Keramik sowie im Mammutelfenbein von Pavlov), die Form einer Kugel, die mit einer Reihe von Vorsprüngen bedeckt ist, welche einer Traube oder einem Korb ähneln (typisch in Willendorf, aber auch in Pavlov – und an den russischen Fundorten), und ein Dreieck, durch welches der Kopf der geometrisch stilisierten Frau in der Gravur von Předmostí ersetzt war.

 

Solche Reduktionen deuten jedoch nicht darauf hin, dass die Statuetten eine bestimmte Person darstellen. Daher sollten solche menschlichen Figuren eher als anonyme anthropomorphe Symbole betrachtet werden. Die Absenz eines Gesichts durch den sogenannten Jagdstil in der paläolithischen Kunst, welcher mit seinem spezifischen Gefühl fast immer die Masse des Rumpfes zum Nachteil des Kopfes und der Gliedmaßen betont, und zwar auch bei Tieren. Die meisten Forscher neigen zu der Vorstellung, dass das Gesicht des konkreten Einzelwesens von einem mächtigen Tabu geschützt wurde. In der paläolithischen Kunst werden nämlich alle menschlichen Gesichter deformiert oder karikiert, und Parallelen dieses Verhalten vermutet auch die Ethnographie.

 

Die Darstellung einer konkreten Person kommt in der paläolithischen Kunst nur selten vor. Den ersten Nachweis davon liefert gerade der Fundort Dolní Věstonice I. Es handelt sich um ein ziemlich realistisch aus Mammutelfenbein geschnitztes Frauengesicht. Das Gesicht ist in länglicher Form stilisiert und von einer großen Mütze oder Frisur gekrönt (→ Exponat 11.1). Es verfügt über einen auffallenden Zug im Gesicht, und zwar über eine Asymmetrie des Mundes. Dieser Frauenkopf wurde später durch den Fund einer grob geschnittenen Maske mit ähnlich auffälliger Asymmetrie des Mundes ergänzt.

 

Die Konkretheit einer bestimmten Person zeigt sich noch deutlicher im Vergleich mit dem Schädel der rituell begrabenen Frau, die an demselben Fundort entdeckt wurde, da der Schädel ebenfall jene pathologischen Zeichen, welche eine Asymmetrie des Gesichts zur Folge haben, aufwies. (DV 3). Eine weitere bekannte Abbildung einer Frau stammt aus dem französischen Fundort Brassempouy. Es handelt sich um eine Schnitzerei aus Mammutelfenbein, die eine junge Frau mit dreieckigem Gesicht und länglichem Hals darstellt. Dieser Venuskopf hat eine Frisur – möglicherweise eine Kopfbedeckung –, welche mit einem Gittermuster geschmückt ist.

 

Einen weiteren einzigartigen Fund stellt der Torso einer kleinen Statuette eines Mädchens dar. Der Fund kam in Petřkovice bei Ostrava (Venus von Petřkovice oder Rote Venus → Exponat 10.2) zum Vorschein. Ihr jung und schlank dargestellter Körper steht in direktem Gegensatz zu den vollschlanken Formen der anderen Gravettien-Frauen-Figürchen. Der Effekt dieses Artefaktes wird darüber hinaus durch den nahezu„kubistischen“ Darstellungsstil verstärkt und durch die Farbe des verwendeten Materials – roten Hämatits – hervorgehoben, was vermutlich die Farbe des Lebens ausdrücken sollte.

Exponate

10.1 Schnitzerei einer männlichen Figur in Form einer Puppe

Schnitzerei einer männlichen Figur aus Mammutknochen. Sie ist auch als "Schamanenpuppe" bekannt geworden und stellt ein bemerkenswertes Obejekt des dem mährischen Paläolithikums dar. Die Puppe…

10.2 Petřkovicer Venus

Petřkovicer Venus , „Die Landecker“ oder„Die Rote“ wurde im Verlaufe der Untersuchung von Bohuslav Klíma auf dem Ostrauer Berg Lande, unter einem Mammutbackenzahn unweit der Feuerstelle und mit…

10.3 Pavlover Venus

Diese kleine Figur aus Mammutknochen ist auch als sog. "Pavlover" Venus bekannt geworden. Sie stellt das Torso einer Frauenfigur mit betontem Busen dar.

10.4 Věstonicer Venus

Die Věstonicer oder "Schwarze" Venus ist eine keramische Statue einer nackten Frauen, welche am 13. Juli 1925 im oberen Teil der Fundstelle Dolní Věstonice I. während der Untersuchung von Karl…

10.5 Venus von Lespugue

Ausdrucksvoll stilisierte Figur aus Mammutstoßzahn. Das Hauptelement bilden hier die traubenförmig aufgeschichteten, eierförmigen Formen des Gesäßes, des Busens und des Kopfes.

10.6 Willendorfer Venus

Die Plastik mit einer weiblichen Figur, die der österreichische Archäolog Josef Szombathy im Jahre 1908 entdeckte, stellt die klassische Stilisierung einer reifen, sehr dicken Frau dar. 

10.7 Moravaner Venus

Das Torso der weiblichen Figur aus Mammutknochen wird als Moravaneroder "Weisse" Venus bezeichnet. 

10.8 Avdejever Venus

Die flache, fast reliefartige Schnitzerei einerFrau aus Mammutknochen wurde in einigen Fragmenten inAndějevo in Russlandgefunden. Weitere Frauenfiguren aus Mammutknochen, Knochen oder Stein…

10.9 Przedmoster Venus

Die schematische Gravierung einer Frau - der sog. "Przedmoster" Venus - ist dank ihrer Stilisierung mit Hilfe von geometrischen Mustern unikat.