5 Jagd

Die Jagd stellte in der Zeit des Paläolithikums die Hauptform zur Gewinnung eines Unterhalts dar. Im Zeitraum des Gravettien spezialisierten sich die Jägergruppen hauptsächlich auf wandernde Mammut-, Rentier- und Pferdeherden, welche nicht nur eine wichtige Fleischquelle für den Unterhalt der Menschen darstellte, sondern es wurden auch Knochen, Zahnbein, Häute und weitere organische Rohstoffe verwertet. Sie dienten zur Erzeugung von Waffen, Werkzeugen sowie von anderen Gegenständen des Alltags oder zum Bau von Wohnstätten.

 

Obwohl man über die gravettienzeitliche Kultur als Kultur der Mammutjäger spricht, ist es sicher, dass die Menschen dieser Zeitperiode nicht bloß Mammute oder andere Herdetiere jagten. Die völlige Abhängigkeit von wandernden Herden, wenn sie nicht erschienen, konnte ja eine Hungersnot auslösen. Deshalb merkt man in der Zusammensetzung der gravettienzeitlichen Ernährung ein gewisses Streben, sie abwechslungsreich zu gestalten, indem man das Fleisch der ganzjährig vorhandenen Tiere nutzte, und auch Versuche, sie mit Pflanzen zu ergänzen.

 

Die gattungsmäßige Zusammensetzung der Fauna in den mährischen Siedlungen deutet auf zahlreiche Vertretung auch anderer, ziemlich kleiner Tiere hin. In reichlicher Anzahl wurden Hasen, weiters Füchse und Wölfe gejagt, welche wertvolle Felle für die Herstellung von Kleidung und Decken lieferten. Man fing wenige Vögel, aber manchmal auch Fische. Um die Siedlungen trieben sich auch Bisons, Nashörner und gefährliche Raubtiere und Konkurrenten in der Jagd wie Löwen, Hyänen oder Bären, herum, welche man verjagen oder töten musste.

 

Das Mammut nahm unter den gejagten Tieren eine besondere Stelle ein – es war das einzige Tier, von dem sich viele nutzbare Rohstoffe gewinnen ließen. Die Mammutknochen häuften sich allmählich abseits der Siedlungen an separaten Ablagerungsplätzen. Manchmal befanden sie sich in den anliegenden nassen Talmulden und in Dolní VěstoniceII sogar unter dem Spiegel des damals vorhandenen kleinen Sees. Die Knochen gehörten zu Duzenden von Einzelwesen, am Fundort von Dolní Věstonice I sogar zu einem Hundert von Mammuten.

 

Man überlegte selbstverständlich auch die Möglichkeit, dass diese Knochenablagerungen ein natürlicher Friedhof waren, wohin die Tiere gingen, um zu sterben. Die Jäger suchten erst später nach deren Knochen und Stoßzähnen. Auch wenn diese interessante Diskussion noch nicht abgeschlossen ist, ist schon jetzt klar, dass das Leben der Siedlung und die Errichtung der Knochenablagerung zur gleichen Zeit verliefen. Es ist daher höchst wahrscheinlich, dass die Mammutknochen riesengroße Relikte der Jagdbeutestücke darstellen (→ Exponat 7.1). Die Mammutknochen wurden aus räumlichen und hygienischen Gründen etwas abseits der Hauptsieglungsstätten angehäuft. Das Aufbewahren der Körperteile von Tieren unter Wasser konnte dem Zweck der Konservierung dienen, besonders im Winter, wenn das Wasser gefroren war.

 

Das Vorhandensein der Mammutknochen in den Seitenschluchten beweist auch eine optimale Jagdstrategie, bei welcher logischerweise das gegliederte Gelände der Pollauer Berge genutzt wurde. Von den Mammutherden, welche die Flussaue entlang wanderten, musste ein ausgewähltes Einzeltier, ein eher jüngeres Mammut, getrennt werden, danach wurde es gegen den Abhang hin in einen Abgrund hineingetrieben. Das Großtier wurde durch den glitschigen versumpften Boden abgebremst. Die höheren Schluchtflanken boten den Menschen den Vorteil, von oben zielen und schlagen zu können. Sie mussten ihre Schläge vor allem gegen jene Stellen richten, an welchen das Tier höchst verletzlich war – in den Bauch oder in die Augehöhle.

Sicher war es nicht nötig, „Mammutgruben“ zu graben – in einer Landschaft mit durchgefrorenem Boden war dies auch physisch nicht möglich.

Die Mammutjagd stellte eine schwierige Aufgabe dar, welche nur durch eine Gruppe bewältigt werden konnte. Die Organisation der Jagd erforderte die Koordinierung einer großen Anzahl von Menschen. Die Jagd war daher auch mit einem gewissen Prestige verbunden. Je größer die Beute war, desto besser war auch der Jäger. Ein Mammut zu erjagen, bedeutete für die Gesellschaft ein großes Ereignis, welches bestimmt noch lange Zeit als Geschichte überliefert wurde.

 

Während die Mammutjagd Sache der eher starken und geschickten Jäger war, die mit hochwertigen Waffen ausgerüstet wurden, war die Jagd auf kleinere Tiere weniger anstrengend und weniger gefährlich, auch Frauen und Kinder konnten diese Tätigkeit ausüben. Funde über diese Jagdweise kamen praktisch nicht zum Vorschein, da zu dieser Jagd gewöhnliche Stöcke und Keulen zum Totschlagen der Tiere eventuell Netze genügten. Die Abdrücke von Netzknötchen blieben an den gefundenen keramischen Klümpchen erhalten. Die Jagt auf kleinere Tiere brauchte weder besondere physische Kraft noch Erfahrung oder eine Strategie und bot in relativ kurzen Zeitabschnitten eine genügend große Menge an Fleisch und auch an Fellen. 

 

Jagdwaffen

Beginnend mit dem Altpaläolithikum war der Speer die Hauptwaffe des Jägers. Der Speer bestand ursprünglich aus Holz mit einer Spitze, die manchmal auch im Feuer gehärtet war. In Dolní Věstonice II blieben ausnahmsweise Bruchstücke von langen Gegenständen erhalten, wahrscheinlich von Speeren oder deren Schäften.

 

In der Zeit des Gravettien verwendete man Mammutstoßzahn oder Geweih als Grundstoff zur Erzeugung von scharfen und festen Projektilen, welche in die Speere eingesetzt wurden. Vielleicht verlangten es die uralten Grundsätze der Jäger, dass es für das Töten des konkreten Tieres dienlich ist, das Material aus seinem eigenen Körper zu entnehmen. Die zahlreichen Funde von solchen Spitzen, die typisch kreisförmig geschliffen worden waren, beweisen, dass für das Gravettien Speere mit solchen Spitzen die häufigste Jagdwaffe darstellten. Wir finden auch kürzere „blattförmige“ Projektile mit Stiel und mit einer stumpfen Spitze (→ Exponat 8.3), welche sich zur Jagd von kleineren Tieren eigneten, um die Beschädigung ihrer Felle zu vermeiden.

 

Man verwendete außer den Spitzen aus organischen Rohstoffen auch Spitzen aus Stein (→ Exponat 5.2). In der Zeit des Gravettien handelte es sich namentlich um Spitzen, deren eine Seite zusammenhängend durch eine steile Retusche abgestumpft wurde, und später auch Spitzen mit einer seitlichen Kerbe, welche angesichts ihrer Größe und auch ihrer Form bestimmt in die Speere eingesetzt wurden. Die Aufprall- und/oder Bruchspuren beim Stoß des spröden Steins gegen ein Hindernis würden diese Vermutung bestätigen.

 

In der Steinindustrie gibt es auch verschiedene Formen von kleinförmigen Artefakten, namentlich geometrische Mikrolithe, sehr kleine Spitzen, Mikroklingen und sehr kleine Sägen, welche wegen ihres geringeren Gewichts für das Einsetzen in den Pfeil getaugt hätten (→ Exponat 8.2). Es besteht die Vermutung, dass man schon im Gravettien neben Schleuderwaffen auch eine neue Fern-Jagdwaffe – den Bogen – verwendete.

Es ist jedoch wahrscheinlicher, dass solch kleine Spitzen in zusammenhängenden Reihen in Speer- und/oder Harpunenköpfe eingesetzt wurden. Aus den verschieden geformten Mikrolithen konnten auch sehr komplizierte Typen von Spitzen  zusammengesetzt werden, welche sich auf andere Weise nicht erzeugen ließen.

Von solch kleinen Steinspitzen finden sich an unseren Fundorten unzählige, der Körper eines Pfeils oder eines mehrteiligen Speers ist jedoch in keinem einzigen Fall erhalten, sodass wir uns nur auf der Hypothesenebene bewegen können.

 

Nutzung von Pflanzen

Pflanzen dienten den Menschen nicht nur zur Erzeugung von Textilfässern, sondern auch als die zweite Hauptquelle der Ernährung. Der Mensch als Allesfresser verzehrte nicht ausschließlich Fleischnahrung. Zwar gäbe es da vor allem das Problem der Ernährung der Kleinkinder, aber auch den Erwachsenen selbst würde die einseitige Nahrung nicht reichen. Die pflanzliche Nahrung ist nämlich wegen des Mangels an direkten Nachweisen mit archäologischen Methoden schwer nachweisbar. Die Landschaft von Steppe und Tundra, wo sich die Mammutjäger bewegten, bot eine Reihe von genießbaren Beeren und Samen, welche gesammelt werden konnten. In Dolní Věstonice II entdeckten britische Paläobotaniker in einer Feuerstelle Spuren von zerquetschtem Pflanzengewebe und interpretierten sie als Breirest, vielleicht aus kindlichem Stuhl.

 

In Pavlov VI und zuletzt in Dolní Věstonice I wiesen italienische Kollegen Reste von zerquetschtem Pflanzengewebe auf zwei Quetschsteinen und mikroskopische Spuren von Stärkekörnern nach.

Unsere Siedlunge besaßen auch eine große Menge von Steinplatten, die vorwiegend der Zerkleinerung von Mineralfarbstoffen dienten (→ Exponat 9.4), dennoch können wir vermuten, dass auf denselben oder auf ähnlichen Steinplatten auch pflanzliche Kost zerquetscht wurde. 

Exponate

5.1 Lanzenspitzen aus Horn und Mammutzähnen

Die Grundwaffe für die Großwildjagd im Gravettien stellte der Speer aus Holz dar. Er hatte eine Spitze aus Mammutzahn oder Mammuthorn, der zu dem typischen Kreisprofil ausgeschliffen wurde.

5.2 Repliken von Spitzen aus dem Gravettien

Die experimentellen Repliken typischer Steinspitze des Gravettien mit einer Seite , die eine zusammenhängende abgestumpft- steile Retusche hatten.

5.3 Absichtlich beschädigte, keramische Tierfiguren

Die technologische Analysen der keramischen Figuren und ihrer Bruchstücke zeugen von ihrer absichtlichen Beschädigung. Es handelte sich z.B. um den Einstich mit einem scharfen Gerät oder die…