Da der genaue Fundort davon nicht bekannt ist, lässt sich nur vermuten, dass der erwähnte Knochen das Femur eines Mammuts sein könnte, welches in einem Hohlweg an den Hängen der Pollauer Berge ausgegraben wurde. Man kann auch annehmen, dass gleichartige Funde von fossilen Knochen, Zähnen und auch von auffälligen weißen Steinen oder „Feuersteinen“ im Laufe der vorigen Jahrhunderte jedes Jahr von Bauern bei ihren landwirtschaftlichen Arbeiten in dieser Region herausgepflügt worden waren, weshalb sie sich nicht nur in Schulsammlungen der umliegenden Dörfer, sondern auch in Gasthäusern und Geschäften befanden.
Weitere Informationen über gleichartige Funde werden zu Beginn des 19. Jahrhunderts herausgegeben. Im Jahre 1801 schreibt Franz Josef Schwoy, mährischer Geschichtsschreiber und Nikolsburger Schlosshauptmann, dem französischen Naturwissenschaftler Goeorges Cuvier über den Fund von Mammutknochen in Pollau (Pavlov). In demselben Jahr berichtet er im Patriotischen Tageblatt über den Fund von Mammutzähnen aus dem Jahr 1785 bei Pollau (Pavlov), die sich in einer Aschenschicht in einer Tiefe von rund 3,5 m befanden. Im Jahre 1889 beschreibt Karel Jaroslav Maškain einer touristischen Zeitschrift Funde von fossilen Knochen von Ober-Wisternitz (Dolní Věstonice), wobei er konkret die Knochenreste von einem Rentier, einem Mammut und einem Eisfuchs erwähnt. Im Jahre 1902 widmet Antonín Rzehak in seinem Werk Neue prähistorische Funde aus Mähren die Aufmerksamkeit paläolithischen Artefakten aus Stein (kleine Werkzeuge aus grob bearbeiteten Feuerstein oder Hornstein) aus Milowitz (Milovice).
Als erste Entdecker des klassischen Fundortes von Dolní Věstonice werden Dr. Johann Schön, der Hausarzt, der seit dem Jahre 1862 bis zu seinem Tod im Jahre 1895 in Dolní Věstonice tätig war, und der tschechische Pfarrer František Mazour – ein begeisterter Naturwissenschaftler, der in den Jahren 1894–1910 in der Pfarrei Pavlov wirkte, in der Literatur angegeben. Dr. Johann Schön sammelte gelegentlich Mammutknochen in der Tonabbaustelle der hiesigen Ziegelei und auch Feuersteinwerkzeuge in der Umgebung des Hohlwegs Richtung Pavlov. Diese Funde stellte er in seiner Ordination aus und präsentierte sie als Erinnerungsstücke an den Aufenthalt von vorzeitlichen Menschen. František Mazour, der regelmäßig von Pavlov nach Dolní Věstonice unterwegs war, fand in der Wand des vorher erwähnten Hohlweges, der sich in den örtlichen Lösskamm einschnitt, Knochen von pleistozänen Tieren und Feuersteinartefakte. Für deren Aufbewahrung errichtete er in seiner Pfarre eine „diluvial-geologische“ Ecke auf dem Kaminsims.
Karel Absolon und erste systematische Forschungen
Im Jahre 1922 trat Dolní Věstonice offiziell in die mährische Archäologie ein, als Josef Matzura, Schriftsteller und Nikolsburger Schlosshauptmann, und Karl Jüttner, Professor Gymnasiums von Nikolsburg, aufgrund des Fundes von Feuersteinartefakten (gemeldet vom hiesigen Bauern Thomas Hebaur aus Dolní Věstonice), und darauffolgend nach einem gemeinsamen Besuch des Fundortes den Bericht Mammutjäger an den Pollauer Bergen veröffentlichten, und zwar im Tagblatt Tagesbote aus Mähren (Jahrg. 72, Nr. 293, vom 28.6.1922).
Der Fundort stand schnell im Mittelpunkt des Interesses von Brünner Amateur-Archäologen (H. Freising, R. Czižek, F. Čupik oder K. Schirmeisen), die an diesem Ort das Sammeln auf der Erdoberfläche und die ersten nicht sehr tiefen Ausgrabungen durchführten. Bereits am 5. November 1923 entdeckte hier Hans Freising den ersten außerordentlichen Fund – eine kleine Mammutfigur aus Keramik. Über diese Aktivitäten wurde Josef Bayer, der berühmte Wiener Archäologe und Direktor des Naturhistorischen Museums, informiert, welcher Dolní Věstonice im Mai 1924 persönlich besuchte und über den Fundort einen kurzen Fachbericht verfasste. In ihm bestätigte er die Einzigartigkeit des Fundortes und betonte auch die Notwendigkeit der systematischen Forschung dieser Fundstelle, um die Zersplitterung von Funden in Privatsammlungen zu vermeiden.
Ab dem Jahre 1924 begann Prof. Dr. Karel Absolon (1877–1960) in Dolní Věstonice – und dies das erste Mal im Namen der offiziellen heimischen Institution, des Mährischen Landesmuseums – jährlich und systematisch zu arbeiten.
In der ersten Erforschungssaison nahmen Jan Knies und Václav Čapek bedeutend als Terrain-Aufseher teil, und ab dem Jahre 1925 leitete Emanuel Dania (1901–1974), Laborant des Landesmuseums, die Ausgrabungen direkt im Terrain. Er informierte Karel Absolon regelmäßig über den Verlauf der Erforschung.
Von den damaligen Funden zeichnete sich vor allem die Venusplastik von Věstonice aus, welche bereits im Jahre 1925 entdeckt worden war, aber auch weitere keramische Plastiken, welche Menschen und Tiere nachbildeten, weiters aus Mammutstoßzähnen geschnittene Kunstminiaturen (z.B. ein realistisch durchgeführter Frauenkopf), Ziergegenstände, das Grab eines Kindes und andere anthropologische Funde, ausgedehnte Ablagerungen von Mammutknochen und eine außerordentlich hohe Anzahl von Stein- und Knochenwerkzeugen.
Diese neuen Funde verwertete Karel Absolon in der heimischen und auch ausländischen Presse und stellte sie in ihrer Ganzheit der Öffentlichkeit auf dem Messegelände von Brno im Rahmen der speziellen Ausstellung Anthropos vor. Heute kann man sie in einer modernen Ausstellungshalle im Park von Brno-Pisárky besichtigen. Die ganze Konzeption Absolons war übrigens neu. Es ging nicht mehr darum, „Feuersteine“ oder „Venusfiguren“ zu sammeln, sondern um eine Rekonstruktion des Lebens der uralten Siedlung und ihrer Bewohner. Karel Absolon schuf mit seiner neuen Auffassung die Grundlagen der mährischen Paläontologie.
Der Forschung bei Dolní Věstonice traten im Verlauf der Zeit auch einige Versuche zur Seite, der Öffentlichkeit Falsifikate von gravettienzeitlichen Kunstgegenständen, namentlich von Venus, unterzuschieben. Im Jahre 1927 gab Franz Müllender, ein Ober-Wisternitzer Gutsbesitzer, eine aus einem Mammutstoßzahn primitiv geschnittene Figur als vorzeitliche Venus aus. Er selbst verbreitete offensichtlich eine Nachricht, dass er beabsichtigte, sie ungesetzlich ins Ausland zu verkaufen. Er wollte damit das Interesse der Öffentlichkeit an diesem Erzeugnis erhöhen. Dadurch rief er einen behördlichen Eingriff und einen darauffolgenden Streit in der fachlichen Öffentlichkeit um die Echtheit der Venus von Unter-Wisternitz hervor, welcher zur Folge hatte, dass die Berühmtheit der Fundstelle noch viel mehr zur allgemeinen Kenntnis gebracht wurde.
Kriegsintermezzo
Die deutschen Besatzer waren sich der Bedeutung von Dolní Věstonice auch bewusst und beriefen den holländischen Archäologen Assien Bohmers (1912–1988) in die Leitung der Forschung, welche direkt von der SS mittels der ForschungsgemeinschaftDeutschesAhnenerbe organisiert wurde. Die Forschung hing zum Teil auch mit den damaligen geopolitischen und rassistischen Theorien des Naziregimes von Deutschland zusammen.
Die Folgen des Krieges waren für die Fundstelle tragisch, weil ein Teil der einzigartigen Funde, die in das Schloss Mikulov gebracht worden waren, vor Kriegsende, im April 1945, durch den Brand vernichtet wurden. Die Venus von Dolní Věstonice blieb zum Glück zusammen mit einigen weiteren Unikaten in Brno, und dadurch sie der Vernichtung entging.
Bohuslav Klíma und Forschungen des Archäologisches Instituts
Sofort nach dem Ende des Krieges begannen die führenden Persönlichkeiten der tschechoslowakischen Archäologie nach optimalen Strategien für die weitere Forschung bei Dolní Věstonice zu suchen. Die Führung übernahm allmählich das Archäologische Institut, das seit dem Jahre 1953 in die Struktur der Akademie der Wissenschaften eingegliedert war, und diese Anstalt führt die Forschung bis heute erfolgreich weiter. Zu einem weiteren Merkmal wurde auch die systematische Zusammenarbeit mehrerer Institute und Teilbereiche, vor allem der naturwissenschaftlichen Abteilungen, welche zur Forschung in Dolní Věstonice Wichtiges beitragen konnten. In der Rolle des führenden Forschers löste Bohuslav Klíma (1925–2000) Karel Absolon auf die Dauer von einigen Jahrzehnten ab.
Bohuslav Klíma weitete die Forschung von Dolní Věstonice I auf die neu entdeckten Fundorte Pavlov I a II aus, wo die Forschung de facto jedes Jahr bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts weitergeführt wurde.
Im Vergleich mit dem vorherigen Zeitraum brachten die neuen Forschungen einen markanten methodischen Schub. Die Forschungsstrategie beruhte auf den Abdeckungen der zusammenhängenden Flächen, welche in einzelne Quadrate eingeteilt wurden, was es ermöglichte, den Verlauf der Siedlungsschichten, Behausungsstrukturen und die Anhäufung von Gegenständen detailliert zu registrieren und zu dokumentieren. Die Lage der Forschungssonden und auch der bedeutungsvollen Funde wurde geodätisch detailliertvermessen, wohingegen es das Sieben und das Schwemmen von der Kulturschicht ermöglichte, auch kleinste Fundstücke zu bergen.
Bohuslav Klíma sammelte im Laufe seiner Forschungen eine außenordentlich große Menge an archäologischem Material – Tausende Exemplare gespaltener Steinindustrie, Werkzeuge aus organischen Rohstoffen, Sammlungen von Kunstminiaturen, Schnitzwerken und Schmuckstücken.
Er entdeckte auch die ersten Ritualgräber – das Grab einer Frau (DV3) und das Grab eines Mannes (Pavlov 1). Alle Funde ergänzte er mit den wichtigen geologischen und naturwissenschaftlichen Angaben.
Weitere bedeutende Funde wurden in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts entdeckt, als der Bau der Stauseen von Nové Mlýny (Neumühl) seinen Höhepunkt erreichte. Die Förderung des Lössbodens für die aufgeschütteten Dämme hatte neue Forschungen zur Folge, es handelte sich diesmal um Notgrabungen an den Fundorten Dolní Věstonice II und Milovice I. Angesichts des Förderungsvorgangs mussten die archäologischen Notgrabungen auf großen Flächen und unter Zeitmangel durchgeführt werden, was eine Bündelung der Kräfte mehrerer Archäologen erforderte. Außer Bohuslav Klíma schloss sich Jiří Svoboda vom Archäologischen Institut AV ČR, Brno den Forschungen an. Die Forschung von Milovice wurde von Martin Oliva vom Mährischen Landesmuseum geleitet.
Im Jahre 1986 wurde am Fundort von Dolní Věstonice II ein Grab mit drei menschlichen Skeletten entdeckt (DV 13–15) (→ Exponat 9.1), und ein Jahr später folgte ein weiterer Fund – das Grab eines Mannes, das sich im Inneren der Behausung befand (DV 16).
Jiří Svoboda und Vollständiges Bild von Gravettien Kultur
Im Jahre 1995 entstand ein neu konzipiertes Zentrum für Paläolithikum und Paläoenthnologie im Rahmen des Archäologischen Instituts der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik an Stelle der ursprünglichen Geländebasis in Dolní Věstonice. Sein Stifter und jetziger Leiter ist Prof. PhDr. JiříSvoboda, DrSc.
Neben der komplexen Verarbeitung und der Veröffentlichung der bis zu diesem Zeitpunkt gesammelten Funden betreibt dieses Zentrum unter der Leitung von Prof. JiříSvoboda weitere Forschungen auf den bekannten und auch auf den neu entdeckten Fundstellen der Region – Dolní Věstonice II, IIa, III, Pavlov I, II, VI, Milovice IV. Die Kulturschichten des Gravettien werden nämlich durch Neubauten, den Bau von unterirdischen Ingenieurnetzen, von Geländeregulierungen, aber auch durch zufällige Situationen, wie zum Beispiel im Jahre 2009 den Durchbruch der Straße durch die verlassenen Keller unter der Gemeinde Milovice, entdeckt und gleichzeitig bedroht.
Angesichts der langjährigen Forschungstradition führt das Zentrum für Paläolithikum und Paläoethnologie auch methodisch ähnlich geleitete Forschungen an anderen Jägerstationen in Tschechien und auch im Ausland durch. In der letzten Zeit läuft zum Beispiel eine Untersuchung im Areal der Jäger-Fischfänger im Waldmilieu des Holozäns (Mesolithikum des Sandsteingebiets Nordböhmens) oder die Erforschung der bis jetzt lebenden Jäger- und Hirtenpopulationen Sibiriens. In den letzten Jahren wurden auch zwei anthropologisch-archäologische Expeditionen nach Äthiopien, in das Gebiet von Afar und Blauem Nil vorgenommen.
Die jetzige Tätigkeit der Expositur in Dolní Věstonice reflektiert den aktuellen Forschungstrend, der von der flächigen Untersuchung der paläolithischen Kultur und der Gebiete abgeht, wobei sie sich jetzt auf perspektivische Areale im Detail spezialisiert. Es werden Jägeradaptationen und soziale Strukturen im Klimawandel und in der sich ändernde Landschaft untersucht.
Die komplex aufgefasste Analyse des Fundortes steht im Mittelpunkt des Interesses von interdisziplinären und internationalen Teams, in die auch die besten Fachleute aus dem Ausland einbezogen sind. Das Spektrum von angewandten Verfahren wird auch um perspektivische Methoden der molekularen Genetik und um weitere Labormethoden zur Analyse des osteologischen Materials von Tieren und auch von Menschen erweitert.
Ziel ist es, ein plastisches Bild der ersten anatomisch modernen Population in Europa zu schaffen, und zwar einschließlich ihrer Lebensweise, ihrer Jagd und ihres Saisonrhythmus. Es zeugt auch von der Bedeutung des Areals Dolní Věstonice – Pavlov, dass es zum nationalen Kulturdenkmal erklärt wurde.
Die wissenschaftlichen Ergebnisse des Zentrums für Paläolithikum und Paläoethnologie werden seit dem Jahre 1994 in der Editionsreihe Studien von Dolní Věstonice veröffentlicht, welche vorläufig zwanzig interdisziplinär konzipierte Bände zählt.