6 Lage und Hierarchie der Siedlungen

Innerhalb des weiteren mitteleuropäischen Raumes sind die gravettienzeitlichen Siedlungen nicht zufälligerweise in der Gegend verstreut, sondern bilden ein ziemlich dichtes und regelmäßiges Netz, welches durch spezifische Besiedlungsstrategien beeinfluss wurde, (sog. gravettienzeitliche Landschaft). Charakteristisch für das System der Siedlungen ist ihre strategisch günstige Lage, von welcher aus man die Flussaue beobachten konnte. Sie waren auf niedrigeren Lagen situiert, als jene in der vorhergehenden Zeit des Aurignaciens. Sie befanden sich an jenen Orten, an welchen die Bedingungen für eine Ablagerung des Lösses günstiger waren, was sich auch in der wesentlich besseren Erhaltung des archäologischen Materials zeigte.

 

Die einzelnen Siedlungen bilden hier eine charakteristische, linear orientierte Siedlungsachse des sog. niederösterreichisch-mährisch-südpolnischen Korridors, welcher von den Flusstälern und den geographischen Pforten abgegrenzt ist und durch welchen Großtierherden gewandert waren. Dieser Weg stellt eine natürliche Verbindungslinie zwischen der Donauniederung und dem pannonischen Tiefland mit den Tiefebenen des nördlichen und östlichen Europas (Mitteleuropäisches Tiefland und Osteuropäisches Tiefland) dar.

Die großen gravettienzeitlichen Siedlungen sind in diesem Korridor in fast regelmäßigen Abständen platziert, wobei das Intervall zwischen 80-120 km schwankt: Willendorf und Aggsbach an der Donau, Dolní Věstonice undPavlov in Südmähren, Předmostí im südlichen und Petřkovice im nördlichen Ausläufer der Mährischen Pforte und letztlich die Fundorte in der Umgebung von Krakau in Polen. Manchmal entstehen an solchen Stellen komplette Mikroregionen der Besiedlungen, so wie es eine gerade im Raum von Dolní Věstonice,Pavlov und Milovice gibt.

 

Lage der Siedlungen im Besiedlungsareal von Dolní Věstonice– Pavlov – Milovice

In den Katastergebieten von Dolní Věstonice,Pavlov und Milovice verzeichnen wir gegenwärtig einen ganzen Komplex von gravettienzeitlichen Siedlungen, die ungefähr gleich alt und innerlich nach einem gewissen Funktionsschlüsselverbunden und so situiert sind, dass ihre Lage der optimalen Jagdstrategie nach Herdenwild gerecht wurde. Sie bilden eine fortlaufende Kette, die sich entlang des nördlichen und nordöstlichen Fußes der Pollauer Berge zieht. Von dem herausragenden Gipfel, auf dem jetzt die Ruine der Maidenburg (Děvičky) steht, kann man alle vormaligen Siedlungen überblicken, und von all denen ist selbstverständlich auch die Maidenburg zu sehen, was es in der Vergangenheit möglich machte, optische Fernsignale für die Koordinierung der Jagd zu geben. Die meisten Siedlungen folgen den sanften Terrainwellen auf demselben Höheniveau, von über 200 m ü. d. M. Diese Lage ermöglichte es den Jägern, sowohl die Bewegung des Jagdwildes in der Aue 30–40 m weiter unten gut zu beobachten, als auch jene Seitenschluchten und Täler zu kontrollieren, welche gegen einen Hang hin ausgerichtet waren, wo es günstig war, ein Tier hineinzujagen und zu erlegen. Dieser Gesetzmäßigkeit entzieht sich nur unsere neueste gravettienzeitliche Fundstelle Milovice IV. Sie liegt im Zentrum der Gemeinde fast in der Ebene der Flussaue, und durch seine Lage versperrt sie den Eintritt in das Seitental von Milovice.

 

Hierarchie der Siedlungen

Die einzelnen Fundstellen im Gelände Dolní Věstonice – Pavlov – Milovice haben natürlich auch ihre Hierarchie, gegeben einerseits durch die Größe, anderseits durch die Komplexität der Tätigkeiten, die hier nachgewiesen werden können. Die großen Siedlungen Dolní Věstonice und Pavlov bedecken ovale Flächen von über hundert Metern, auf denen Reste von wiederholt angelegten Feuerstätten und gebauten Hütten zu finden sind und auf welchen Nahrungsabfall sowie durch Herstellungstätigkeiten bedingte Abfallstoffe, Ritualspuren und schließlich auch Einzelgräber von Jägern selbst übereinander liegen.

Man kann voraussetzen, dass diese beiden Stationen ihre Funktion ganzjährlich erfüllten. Auch der Fundort Dolní Věstonice II ist eine große Siedlung, sogar eine größere als die beiden vorgenannten. Die Besiedlungsspuren sind hier jedoch nicht so intensiv, sie sind mehr auf der Fläche verteilt, umfassen zwar einen längeren Zeitabschnitt, aber mit wiederholten Unterbrechungen. Es kamen hier nur wenige Kunst- und Schmuckstücke zum Vorschein, demgegenüber gibt es hier Nachweise von Mammutjagd (Mammutknochen wurden in der anliegenden Schlucht abgelagert) und von Fellbearbeitung (eine Menge von Fuchs- und Wolfknochen sowie Spuren an Werkzeugen, mit denen ihre Felle bearbeitet wurden). Dolní Věstonice II wurde jedoch vor allem durch anthropologische Funde berühmt, zu welchen das Grab mit drei menschlichen Skeletten, das Grab eines Mannes und viele in der Umgebung verstreute Fragmente von Menschenknochen gehören.

Der Fundort Milovice I nimmt zwar einen erheblichen Raum ein, aber es dominiert hier flächig eine große Ablagerung von Mammutknochen. Die Besiedlung wiederholte sich hier vermutlich in bestimmten Zeitspannen. Die übrigen Fundorte (Dolní Věstonice III, Pavlov II) sind kleiner, sie messen maximal einige duzend Meter und wurden offensichtlich nur saisonbedingt besiedelt. Der neu entdecke Fundort Pavlov VI präsentiert praktisch eine einzige Wohnstätte mit einer „Küchenausstattung“ zur Fleischbearbeitung und mit Resten von Tierknochen. Einige größere Standorte entstanden eben durch die Anhäufung solcher Wohnstätten.

Diese Siedlungshierarchie hängt einerseits mit der Dauer der Besiedlung, anderseits mit der Saisonmäßigkeit zusammen. An den langfristig besiedelten Standorten verwirklichte man ein größeres Spektrum von Tätigkeiten, einschließlich der Herstellung von Kunstgegenständen und Durchführung von Ritualen.

 

Kurze Aufstellung der Fundstellen: Lage und Leitung der Forschung

Dolní Věstonice I

Absolons Station. Der Komplex der gravettienzeitlichen Siedlungen und die Ablagerungen von Mammutknochen befinden sich im sanften Abhang des Weingartens im östlichen Teil des Katastergebiets, sodass die ersten Berichte sogar angeben, dass es sich um die Gemeinde Pavlov handelt. Auf dem mittleren und oberen Teil wurden selbständige Wohnstätten (Hütten) ausgemacht. Seehöhe: 200–235 m. Forschung: 1924–1938 Karel Absolon; 1939–1942 Assien Bohmers; 1945–1946 Karel Žebera und Kollek.; 1947–1952, 1966, 1971–1979 Bohuslav Klíma; 1990, 1993 Jiří Svoboda.

Dolní Věstonice II

Ziegelei, Über der Ziegelei, Unterhalb des Waldes. Der Komplex der gravettienzeitlichen Siedlungen am östlichen Rand der Gemeinde, welcher sich vom „Epochenkalender“ über das terrassenförmigen Terrain des Hügelscheitels und des westlichen Abhangs bis zur Feldflur Unterhalb des Waldes (Fundstelle IIa) erstreckt. Auf dieser Fläche liegen einzelne Ansiedlungen (Hütten) verstreut. In der Nebenschlucht befindet sich eine Ablagerung von Mammutknochen (eine Ansiedlung von diesen gehört vermutlich dem späteren Aurignacien an). Seehöhe: 200–250 m. Forschung: 1959–1960, 1985–1988 Bohuslav Klíma; 1985–1991,1999, 2005 Jiří Svoboda.

Dolní Věstonice III

Rajny. Die einzelnen Siedlungen des Gravettien (und im Liegenden vermutlich auch die Siedlungen des Aurignacien) liegen am steilen Abhang von Weinbergen zwischen den Fundorten I und II. Die Oberflächenfunde führen auf dem Feld bis zum Wald (sie entstammen jedoch dem Aurignacien) weiter. Seehöhe: 215–290 m. Forschung: 1970 Bohuslav Klíma; 1993, 2012 Jiří Svoboda; 1994–1995 Petr Škrdla.

Pavlov I

Intensiv besiedelte gravettienzeitliche Lagerstätte in zwei großen Ballungsräumen auf dem Feld, das im Westen an der Gemeinde anliegt. Die Wohnanlagen (Hütten) liegen vor allem im Südostteil übereinander, wodurch deren Grundrisse ein schwer lesbares Palimpsest darstellen. Seehöhe: 190–205 m. Forschung: 1952–1965, 1971–1972 Bohuslav Klíma.

Pavlov II

Kleinere gravettienzeitliche Siedlung am Ostrand der Gemeinde, sie wird jetzt allmählich mit Einfamilienhäusern bebaut. Seehöhe: 205–215 m. Forschung: 1966–1967 Bohuslav Klíma; 2009 Jiří Svoboda

Pavlov III

Einzelne Steinwerkzeuge und Knochen des Gravettien in der Wand einer ehemaligen, jetzt aufgefüllten Tonabbaugrube an der Straße von Pavlov nach Milovice. Seehöhe: 180 m. Forschung: 1966, 1977–1980 Bohuslav Klíma.

Pavlov IV

Oberflächenfunde von Steinwerkzeugen im Tal, das den südöstlichen Rand der Gemeinde umsäumt. Seehöhe: 210–250 m. Laufende Oberflächenerforschung.

Pavlov V

Děvičky/Maidenburg. Oberflächenfunde von Steinwerkzeugen unterhalb der Burg. Seehöhe: um 360 m. Laufende Oberflächenerforschung.

Pavlov VI

Getrennte, vollständig erhaltene Siedlung des Gravettien am Ostrand der Gemeinde an der Straße Richtung Milovice. Seehöhe: 215 m. Forschung: 2007 Jiří Svoboda.

Milovice I

Gebiet von Mikulov oberhalb der Straße. Siedlung und Ablagerung von Mammutknochen im Tal südlich der Gemeinde, an der Straße Richtung Mikulov. Im Liegenden des Gravettien eine schwache Kulturschicht des Aurignacien. Seehöhe: 230–240 m. Forschung:1949 BohuslavKlíma; 1986–1991 Martin Oliva.

Milovice II

Waldfleck, Marktsteig. Oberflächenfunde von Steinwerkzeugen auf einer kleinen Bodenerhöhung nördlich von Fundort I. Seehöhe: 220 m. Laufende Oberflächenerforschung.

Milovice III

Brünner Hügel, Strážný-Hügel. Einzelne Funde. Seehöhe: 220–265 m. Laufende Oberflächenerforschung.

Milovice IV

(Gemeindegebiet). Vermutlich ausgedehnte Siedlung des Gravettien unter der jetzigen Gemeindebebauung. Seehöhe: 180 m. Forschung: 2009 Jiří Svoboda.