11 Kunst und Rituale

Die paläolithische Kunst vermittelt eine Einsichtnahme in die ästhetischen, mentalen und sozialen Verhältnisse innerhalb der Gemeinschaften der Jäger und Sammler, nur die Wahrnehmung dieser zeitlich entfernten Erscheinungen ändert sich gemeinsam mit den Paradigmen der jetzigen archäologischen und anthropologischen Forschung. 

 

Die heutige Forschung betont eine kontextuelle Behandlung der Kunst und des Symbolismus als integralen Teil der sozialen und psychologischen Systeme der Vergangenheit. Dabei wird besonders die Rolle der Symbole bei der menschlichen Kommunikation unterstrichen, d.h. beim Austausch und bei der Aufbewahrung von Informationen.

 

Die ältesten künstlerischen Äußerungen erscheinen in Europa im Jungpaläolithikum und korrespondieren mit der Einwanderung der anatomisch modernen Menschen. Von diesem Gesichtspunkt aus scheint es, dass Anfang und Entwicklung der Kunst ausschließlich mit unserer, also mit der modernen menschlichen Population, zusammenhängen. Bei ihr – im Vergleich zu archaischen Bevölkerungen – kann man den Unterschied in der Herangehensweise an die Umwelt erwarten, der bei dem modernen Menschen mit dem Formen einer integrierteren Architektur des Denkens verbunden werden kann.

 

Vom evolutionären Gesichtspunkt aus erscheint die Kunst auf einmal sozusagen „fertig“, ihre Technik sowie ihr Still sind vollkommen und präsentieren sich in allen Formen – Wandmalereien, Gravuren, Skulpturen und Schmuckstücken. Ein lineares Schema der Entwicklung (von „primitiver“ bis „komplexer“ und „vollkommener“ Kunst) gilt hier nicht. Formal vollkommene Werke der paläolithischen Kunst entstanden bereits zu Anfang der Altsteinzeit, im Aurignacien, vor mehr als 30 000 Jahren – zum Beispiel die Wandmalereien in der Höhle Chauvet in Frankreich oder tierische, menschliche und auch halb menschliche halb tierische Plastiken aus Mammutelfenbein und auch aus Stein, welche in den Höhlen des deutschen Donaugebiets gefunden wurden. Darauffolgend, im Gravettien vor 30 000 bis 20 000 Jahren, zeigen sich bereits reichhaltige und formal und technologisch vielfältige Mengen von Kunstgegenständen in den mährischen Fundorten (vor allem zoomorphe und anthropomorphe Plastiken und Schnitzereien), denen die stilmäßig verwandten Artefakten von Italien, von der Ukraine und von Russland zeitgemäß folgten. In den nächsten zehntausend Jahren, im Magdalenium (vor ca.18 000 bis 13 000 Jahren), entstehen dann die meisten Malereien in westeuropäischen Höhlen, durch die der Aufschwung der paläolithischen Kunst seinen Höhepunkt erreicht.

 

Bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren sich Pablo Picasso, Joan Miró und die weiteren Begründer der modernen Kunst bewusst, wie formal und inhaltlich vollkommen die Malereien in den spanischen und französischen Höhlen trotzt ihres Alters sind. „Wir schufen nichts Neues“, sollte Picasso dazu sagen, wobei seine Stiere oder Mirós Symbolismus dies auch beweisen. Ähnlich äußerte sich auch der bedeutende französische Archäologe Henri Breuil: „ … die Malereien haben beides – Eleganz und Kraft … sie erinnern in ihrer bildkünstlerischen Auffassung an die Frührenaissance …“

 

Die Kunst ist Bestandteil eines Systems des Denkens und Verhaltens, welches durch das Bewusstsein und durch die Bestimmung von Zeit und Raum bedingt ist, da erst die Zeit jenes Ausmaß bildet, in dem Symbole langfristig realisiert werden können. Diese überzeitliche Qualität eines Artefakts konnte sich in unterschiedlichen Kunstformen zeigen, welche man als „kurzfristige“ und „langfristige“ bezeichnen kann – je nach Dauer der Nutzung und Wahrung der Bedeutung des Artefakts. Kurzfristige symbolische Artefakte leisteten Dienste nur für eine konkrete Tätigkeit, für ein Ritual oder Spiel. Nachdem jene Tätigkeit beendet war, verloren sie nicht nur ihren Sinn, sondern es verschwand auch ihre Bedeutung. Zu dieser Gruppe gehören die Plastiken aus feuchtem Ton, welche modelliert, umgestaltet, gebrannt und unmittelbar danach weggeworfen wurden, flüchtige Gravuren auf kleinen Steinplatten, auf welche darauffolgend neue Motive gezeichnet wurden, und zweifellos auch Zeichnungen in Sand oder am menschlichen Körper. Zur anderen Gruppe gehören die Artefakte, welche langfristig genutzt, getragen oder bei verschiedenen Gelegenheiten wiederholt gesehen wurden – arbeitsaufwändig geschliffene Amulette, verzierte Werkzeuge oder Waffen.

 

Tiere und Menschen aus der Sicht der paläolithischen Kunst

Die thematische Analyse der zoophormen Motive zeigt, dass in der paläolithischen Kunst starke, gefährliche oder eben auffällige Tiere überwiegen (→ Exponat 11.9). Es handelte sich nicht um eine geläufige jägerische Magie, ergo um eine Darstellung von Tieren, die darauffolgend gejagt und aufgegessen werden sollten. Den ausgewählten Tieren können eher imponierende Eigenschaften zugeschrieben werden, wie Größe und Kraft aber auch Ruhe, Mut oder Geschicklichkeit. Unter Berücksichtigung jener Eigenschaften treten die Tiere in das kosmologische System ein, in die Rituale und offensichtlich auch in die mythologischen Geschichten, welche sich im Hintergrund nur vermuten lassen.

 

Die Pollauer Berge selbst, von weitem her gut sichtbar, erinnern bis heute durch ihre Gestalt an den Rücken eines liegenden Tieres, vielleicht eines Mammuts (→ Exponat 11.8), dem die urzeitlichen Menschen hier begegneten. Die Mammutgestalt modellierten die Jäger wiederholt aus Ton und schnitzten sie auch in eine flache Platte aus Mammutstoßzahn ein. Einen ähnlichen Wert maßen sie noch dem Löwen (→ Exponat 11.7) bei. Es folgen die weiteren Tiere – die Bewohner der Landschaft zu jener Zeit, zum Beispiel der Bär, das Nashorn, das Rentier, der Steinbock. Hasen und Füchse, mit denen die Jäger täglich verkehrten und deren Tierknochen in unseren Siedlungen eine hohe Anzahl erreichen (durchbohrte Fuchszähne dienten üblicherweise als Schmuck), wurden jedoch nicht abgebildet.

 

Die Abbildung des Menschen kommt gegenüber den dominanten Tieren in der paläolithischen Kunst seltener vor. Die Tatsache, dass unter den anthropomorphen Themen das Frauenmotiv überwiegt, ist genügend bekannt, und sicher ist sie durch die elementare, biologisch natürliche Attraktivität dieses Thema bedingt. Das bedeutet jedoch nicht, dass das Männermotiv fehlt oder vielleicht tabuisiert wird (zum Beispiel das Männerfigürchen, das im Ritualgrab am Fundort Brno 2 → Exponat 10.1).

 

Im Allgemeinen geht es um keine überraschende Tatsache – die paläolithische Kunst mit ihrem Prioritätsinteresse für das Frauenmotiv (→ Kapitel 10 Venusfigurinen) unterscheidet sich keineswegs von der Kunst aller darauffolgenden Zeiträume bis zur Gegenwart. Bei den Funden in den Siedlungen von Dolní Věstonice und Pavlov überwiegen unter den zoomorphen Motiven eindeutig Mammut und Löwe.

 

Unter den weiblichen Figürchen dominiert souverän die Venus von Dolní Věstonice (→ Exponat 10.4), welche sich in die Gruppe der gravettienzeitlichen Venus-Statuetten einreiht, die über den europäisch-asiatischen Raum verstreut sind. Eine ähnliche Form wie die klassische Venus von Dolní Věstonice haben auch einige weniger bekannte Frauenfigürchen aus diesem Forschungsareal. Der Steinzeitmensch spielte mit den Formen des Frauenkörpers. Er schuf nicht nur eine ganze Gestalt aus Ton oder aus Mammutelfenbein, sonder auch eine abstrakte Kurzform des Körpers – ein Busenpaar, einen Kopf (→ Exponat 11.1) oder einen dreieckigen Frauenschoß (→ Exponat 11.6). Durch die geänderte Sichtperspektive erkennt man jedoch, dass in dieser Symbolik auch das männliche Prinzip verschlüsselt zu finden ist.

Die Stäbchenförmige Gestalt mit Brüsten verwandelt sich in das Symbol des männlichen Geschlechts (→ Exponat 11.2). Dieses Spiel mit Formen verlief meistens auf abstrakter Ebene, es ging um keine konkrete Frau oder keinen konkreten Mann. 

 

Für die paläolithische Kunst ist eher eine gewisse Anonymität der anthropomorphen Motive typisch – die Kopfdarstellung ist minimalisiert, geometrisiert, eventuell karikiert oder in einer anderen Weise deformiert, zum Beispiel in Form einer Kugel, die mit einer Reihe von Vorsprüngen versehen ist, welche einer Traube oder einem Korb ähneln, oder in einer bikonischen Form, welche manchmal beinahe an einen Pilz erinnert. Und trotzdem lieferten Fundorte von Dolní Věstoniceund von Pavlov Figurendarstellungen, welche einerseits mit ihren individuellen Zügen, anderseits mit Ergänzungen, die durch Bekleidung bewirkt werden, aus der Anonymität heraustreten: ein detailliert bearbeitetes längliches rauengesicht mit schief skizziertem Mund, gekrönt von einer großen Mütze oder Frisur (→ Exponat 11.1), eine grob geschnittene Maske mit ähnlich auffälliger Asymmetrie des Mundes oder bezüglich der vorher erwähnten Ergänzungen mit Hilfe von Bekleidung eine Art Gürtel oder Schnüre, welche die Bruchstücke einiger Frauenköper umspannen (→ Exponat 11.6).

 

Ziergegenstände und dekorative Muster

In die Sphäre der paläolithischen Kunst geht auch der Steinzeitmensch selbst ein, mit Schmuckgegenständen und vielleicht auch mit Malerei, Tätowierung oder verzierter Bekleidung geschmückt, was natürlich bloß eine Hypothese sein kann.

In der Zeit, als die ersten modernen Menschen im Süden Afrikas und die letzten Neandertaler in Westeuropa Materialien durchbohrten und einfache Schmuckgegenstände schufen, besaßen die Mammutjäger von Dolní Věstonice und von Pavlov schon eine ganze Ausstattung von Schmuckstücken. Zu ihrer Herstellung verwendeten sie selbstverständlich Gegenstände aus der Natur wie Eckzähne von Raubtieren (→ Exponat 9.2), Schalen von tertiären Weichtieren (→ Exponat 11.13) oder gewöhnliches Geröll. Sie schnitten aber auch fein und präzise aus schwer bearbeitbarem Mammutelfenbein kleine Perlen, Verzierungen zum Annähen und ovale gebogene Stirnreifen, welche sie dann mit geometrischen Mustern versahen. Auch Schnitzarbeiten, welche Tiere und Menschen darstellten, wurden oft mit Kerben oder Löchern versehen, sodass sie mit einem Faden an die Bekleidung angehängt oder angeheftet werden konnten (→ Exponat 11.12).

 

Allmählich bildete sich ein breites Spektrum von Formen heraus, welche offensichtlich schon von konkreter Bedeutung waren. Aufgrund der ethnologischen Parallelen kann man annehmen, dass es nicht nur um das Schmuckstück, sondern auch um das Ding, welches als Information über den Ursprung, Status, die Eigenschaften oder Verdienste des Trägers diente, ging. Für den Fall, dass das Schmuckstück an einer sichtbaren Stelle getragen wurde, konnte die Information auch die ethnische Zugehörigkeit betreffen.

 

Einen ergänzenden Wert konnten auch die typischen geometrischen Muster besitzen (→ Exponat 11.10), mit welchen die freien Flächen der Schmuckgegenstände, Werkzeuge sowie Waffen versehen sind. Der Vergleich dieser dekorativen Muster des mährischen Gravettien zeigt, dass ein bestimmtes Dekor für den ganzen Fundort oder für den Komplex von Fundorten charakteristisch sein kann. Das Grundschema der Verzierung ist an allen Hauptfundorten (Dolní Věstonice I, Pavlov I und Předmostí I) standardisiert – ein astartiges Ornament (→ Exponat 11.11), schraffierte Dreiecke und Bögen – nur die Linienform ist bei den Funden von Pavlov leicht gebogen und die bei den Gegenständen von Předmostí eher gerade. Zum Verständnis des Sinnes und der Hierarchie dieser Muster fehlt es an kontextuellen Angaben über die damalige Gesellschaft. Es wäre nötig, nicht nur die im Muster verschlüsselte Metapher, sondern auch die Funktion dieser Gegenstände, die Tätigkeit, bei der sie angewandt wurden, und das Statut ihres Benutzers zu kennen. Solche Informationen fehlen in der archäologischen Aufzeichnung. Eine gewisse Schlussfolgerung kann man jedoch formulieren – nach außen hin brachte ja der charakteristische dekorative Stil des Gravettien die gesellschaftliche Einigkeit dieser Jägerpopulation und auch das Wissen um jene Einigkeit zum Ausdruck.

 

Im Zusammenhang mit den dekorativen Darstellungen ist auch der Fund eines Mammutstoßzahns mit einem eingravierten komplizierten geometrischen Ornament von Bedeutung, welchen Bohuslav Klíma am Fundort Pavlov I entdeckte und den er als Landkarte des Raumes der Pollauer Berge interpretierte (→ Exponat 1.1). Die Landschaft ist hier auf abstrakte Muster reduziert, wo die Sicht des Jägers in den Raum schematisch und vom geometrischen Stil ihrer Zeit abhängig ist. Die einzelnen Symbole haben eine konkrete metaphorische Bedeutung – Mäander des Flusses, Abhänge der Berge und kleine konzentrische Kreise als Symbol einer menschlichen Siedlung. Fall diese Interpretation richtig ist, dann beweist sie eine Fähigkeit der jungpaläolithischen Menschen, den Raum abzubilden.

 

Von den komplizierten geometrischen Ornamenten abgesehen, erscheint unter den gravierten Mustern noch ein weiterer Typ der Aufzeichnung – eine regelmäßige Anreihung von einfachsten Symbolen, linearen Ritzen im Stein und auch im Knochen (→ Exponat 8.6). Diese sich rhythmisch wiederholenden Ritzen und tieferen Einschnitte, welche parallel in Reihen angeordnet sind, können als rechnerische Aufzeichnungen interpretiert werden, welche zum Beispiel über die Anzahl der gejagten Tiere Aufschluss geben. Man könnte sie auch als Aufzeichnungen der Zeitmessung im lunaren Zyklus ausdeuten, was beweisen würde, dass sich die Steinzeitmenschen nicht nur der Zeit bewusst waren, sondern auch imstande waren, sie zu messen und aufzuzeichnen.

 

Als Beispiel kann man das Spindelbein eines Wolfes (→ Exponat 8.5) anführen, welches Karel Absolon im Jahre 1936 am Fundort von Dolní Věstonice Igefunden und als Hilfsmittel zur Aufzeichnung des Rechnens – „rechnerisches Stäbchen“ interpretiert hat.

Das Bein ist fast der ganzen Länge nach mit kurzen Querrillen versehen – in seinem oberen Teil sind 30 und in dem unteren 25 eingraviert, wobei sich die dreißigste Rille und die fünfundzwanzigste über die ganze Breite des Beines als ausgeprägte Teilungszeichen ausdehnen. Ein ähnlich graviertes Stäbchen, jedoch aus Stein, mit regelmäßig angeordneten Linien entdeckte Bohuslav Klíma am Fundort von Dolní Věstonice II (→ Exponat 8.4). Trotz des fragmentarischen Zustands des Gegenstandes bestimmte er auf ihm Gruppen von 5, 5, 7, 7 Ritzen und noch einmal 5 Ritzen, d.h. insgesamt 29 Ritzen, und deutete das Artefakt als Mondkalender.

 

Rituale

Die meisten Kunstgegenstände waren wahrscheinlich mit geistlichen Vorstellungen der damaligen Menschen und mit ihrer symbolischen Welt verbunden. Daher vermutet man, dass die künstlerischen Äußerungen der Mammutjäger eng mit der Durchführung von unterschiedlichen Arten von Ritualen zusammenhingen, welche ihre Stellung, ihre Kenntnisse oder ihre Vorstellungen von der damaligen Welt reflektierten. Mit Verweis auf die Ethnologie lässt sich schließen, dass einige von ihnen mit der Fruchtbarkeit der Frauen, mit der Mutterschaft und Geburt, mit der Initiation in der Gesellschaft, mit der Jagd, mit dem Tod oder mit den einzelnen Jahreszeiten zusammenhingen.

 

Im Unterschied zu einer bloßen Erzählung ist die Durchführung eines Rituals gesellschaftlich anspruchsvoller und auch aufwändiger. Falls das Ritual durch archäologische Vorgänge nachgewiesen werden sollte, dann bekommen gewisse Situationen, der Gesamtkontext und seine Interpretation eine besondere Bedeutung. In Mähren konzentrierten sich alle Spuren von Ritualen, ob es nun Bruchstücke der Figürchen aus Keramik oder Gräber sind, faktisch in den zentralen Teilen der Siedlungen, beziehungsweise „an den Stellen des mystischen Jagdkultes“, wie sie Karel Absolon nannte. Zurzeit kann man feststellen, dass sich an den Fundorten von Dolní Věstonice I undvon Pavlov I jene Gegenstände sogar im Inneren der bestimmten Bauten konzentrieren. Dies legt die gesellschaftliche Funktion von Ritualen nahe, welche gleichzeitig mit dem täglichen Leben erfolgten.

 

Die technologischen Analysen der keramischen Figürchen aus Dolní Věstoniceund aus Pavlov, oder eher ihrer Bruchstücke, wiesen nach, dass sie aus irgendeinem Grund absichtlich beschädigt oder vernichtet worden waren, ob dies nun mechanisch – zum Beispiel durch Einstiche mit scharfen Gegenständen – oder thermisch durch eine plötzliche Temperaturänderung beim Brennen erfolgte (→ Exponat 5.3) Hinter einem solchen Verhalten kann man eine Geschichte vermuten, und in der älteren Literatur findet man auch dafür eine Erklärung – die Magie der Jäger. Die rituelle Vernichtung des Darstellungsbildes würde sich mit der Tötung des tatsächlichen Tieres als gleichwertig erzeigen, und zwischen den beiden Handlungen würde ein kausales Verhältnis bestehen. Erst wenn man die Arten von dargestellten Tieren in Erwägung zieht, findet man ein bestimmtes Paradox identisch mit jenem, welches in der ganzen Jagdkunst von Kantabrien aus bis in die osteuropäischen Tiefebenen hin beobachtet wird – thematisch überwiegen hier große, gefährliche oder sonst imponierende Tiere. Kleinere Tiere, welche eine wirkliche und zuverlässige Basis der Nahrung bildeten, sind in der Kunst kaum zu finden. Die in diesen Ritualen verschleierte Geschichte wird offensichtlich komplexer, vielleicht symbolischer und mythologischer sein, als sie sich auf den ersten Blick zeigen könnte.

 

Mit den rituellen Erscheinungen kann auch die weitere Beschaffenheit der paläolithischen Figürchen, vor allem der Venusstatuetten zusammenhängen. Manche, wenn sie nicht durchbohrt sind, haben am Körper Einschnitte, welche so geführt sind, dass sie sich symmetrisch aufhängen oder in der Aufhängung bewegen lassen. Mit dem Spiel von Licht und Schatten kann man uralte Rituale nachbilden. Diese in Südmähren ausgeübten Tätigkeiten könnten eine Ähnlichkeit mit Ritualen, welche von tiefen westeuropäischen Höhlen her bekannt sind, zeigen. Für ein ähnliches Spiel von Licht und Schatten kann man auch geschnitzte Konturen von Löwen (→ Exponat 11.7) und Mammut verwenden (→ Exponat 11.8).

 

Zu jenen Gegenständen, denen eine rituelle oder symbolische Bedeutung zugeschrieben wird, gehören auch besondere Scheiben, welche aus Mergelplatten geschliffen und in der Mitte durchbohrt wurden. Ein Bruchstück einer solchen Scheibe wurde am Fundort Pavlov I gefunden (→ Exponat 11.14). Ganze Stücke davon stammen aus dem Fundort von Předmostí und aus dem Grab der Fundstelle Brno 2. Die Funktion dieser Artefakte bleibt weiterhin unbekannt. Man vermutet eher eine symbolische als praktische Bedeutung wegen der Absenz von Arbeitsspuren auf ihrer Oberfläche und auch aus der Kenntnis ähnlicher Gegenstände, welche sibirische Schamanen verwenden oder die in der asiatischen Kunst vorkommen.

 

Die Farbstoffe können ebenfalls eine rituelle Bedeutung und Verwendung haben, und dies vor allem im Zusammenhang mit den Bestattungen von gravettienzeitlichen Jägern, bei denen mit rotem Farbstoff der Schädel, das Becken oder sogar der ganze Körper des Toten überzogen wurden (→ Kapitel 9 Bestattungen).

Exponate

11.3 Stilisierte Frauenfigur – „Gabel“

Einestilisierte Frauenfigur als abstrakte Verkürzung - ein gabelförmiges Artefakt mit Durchbohrung zum Anhängen. Es reduziert die weibliche Figur mit dem angedeuteten Geschlecht (der kurze Schnitt…

11.2 Stilisierte Frauenfigur – „Stäbchen mit Busen“

Eine linear stilisierte weibliche Figur, welche als mit Schnitten verziertes Stäbchen mit stark ausgeprägten Busen ausgeführt ist. Bei vereänderter Perspektive des Blickes kann beobachtet werden,…

11.1 Realistisch geschnitzter Frauenkopf

Die Abbildung einer konkreten Person tritt in der paläolithischen Kunst nur selten auf. Der erste Beleg stammt gerade vomm Fundort Dolní Věstonice I.

11.4 Stilisierte Frauenfigur

Geschnitzter Ziergegenstand, vermutlich mit der Funktion eines Anhängers.  Die Frauenfigur ist stark zur Form eines einfachen geglätteten Stäbchens reduziert.

11.6 Frauentorso mit Band über den Hüften

Torso einer Frauenfigur. Auf den Hüften befindet sich ein schraubenförmig gewickeltes Band und vermutlich auch eine Schnur.

11.5 Frauentorso mit doppelten Symbol des Schoßes

Flacher Torso einer Frau mit doppelten Symbol des Schoßes im unteren Teil. Das ausdrucksvolle Dreieck des Schambeins ist von dreieckigen Beinen umrahmt.

11.7 Umrißsybol eines Löwen

Schnitzereien und die Plastiken treten in den euroasiatischen Steppen schon seit der Ankunft des ersten anatomisch modernen Menschen nach Europa (in der Kultur desAurignacien, vor 40 000 Jahren)…

11.8 Umrißsymbol vom Mammut

Die Abbildung des Mammuts als eines der typischsten und am sichtbarsten Tiers der glazialen Fauna tritt in der jungpaläolithischen Kunst relativ häufig auf. Es wurde aus dem Ton modelliert, in…

11.9 Keramische Kleinplastiken von Tieren

Die Exponate stellen eine Auswahl einer ganzen Serie zoomorphen Plastiken dar, die im Bereich der Siedlungen des Gravettien unter den Pavlover Bergen modelliert und anschließend gebrannt wurden.…

11.10 Fein geschnittene „Diademe“

Die fein geschnittenen "Diademe" wurden mit geometrischen Mustern bedeckt, welche leicht gebogenen Linien kombinierten. Im Fall, dass sie tatsächlich als Verzierung des Kopfes getragen wurden,…

11.11 Verzierte Knochenartefakte

Die charakteristischen, geometrischen Muster kommen nicht nur auf Verzierungsgegenständen, sondern auch auf freien Flächen und auf manchen Waffen und Geräten vor. Sie könnten hier eine symbolische…

11.12 Anhänger und kleine Verzierungen aus Mammutknochen

Die aus Mammutknochen geschnittenen Verzierungen erforderten eine sehr feine und präzise Bearbeitung. Sie stellen ein breites Spektrum an Formen, und zwar von zoomorphen und anthropomorphen…

11.13 Halsbänder aus Muscheln und tertiären Fossilien

Neben durchbohrten Tierzähnen  befinden sich auch Schalen von fossilen Weichtieren aus dem Tertiär auf den Lokalitäten des Gravettien. Sie hatten die Funktion des Schmucks und waren häufig…

11.14 Fragment einss geschliffenen Steindisks

Die Technik des Steinschleifens, die gewöhnlich mit dem Neolithikum in Verbindung steht, entwickelte sich seit  Beginn des Jungpalälithikums. Im Rahmen der mährischen Fundorte wurden aus…

11.15 Kleine Gerölle mit geschliffener Oberfläche

Besonede Fundestellen auch kleine Gerölle aus braunrotem (silikatischer) Kalkstein dar. Sie sindzu  linsenartgen Formen ausgeschliffenund dienten häufig zum Retuschieren sowie als Abschläger.…