Diese erfolgreiche Population weitete ihren Siedlungsraum zuerst auf die Tropen Südasiens und Australiens aus und danach, vor 50 000–30 000 Jahren, drang sie in einigen Wellen auch in die kalten und trockenen Regionen des damaligen Europa und Nordasien ein.
Die anatomisch neuzeitliche Population, die in einigen Wellen längs der Donau in das Innere unseres Kontinents wanderte, brachte ihre Kulturen, zuerst das Aurignacien und danach das Gravettien, weder aus dem tropischen Afrika noch aus dem klimatisch milden Mittelraum mit.
Ihre Kultur ist eine Erscheinung der vollständigen Adaptation an die kalten Bedingungen der neuen Umwelt, in welche diese Ankömmlinge eindrangen. Und es ist auch nicht ausgeschlossen, dass die aussterbenden Neandertaler (Homo neanderthalensis), die sie hier antrafen, an der Entstehung ihrer Kultur teilnahmen und dass sie sich mit ihnen auch genetisch mischen konnten. Die Neandertaler stellen eine urzeitliche Entwicklungsform des Menschen dar. Obwohl die Evolution dieser Population erfolgreich war, starben sie aus. Der Grund ihres Aussterbens ist nicht ganz klar, es gab bestimmt mehrere Ursachen, zum Beispiel eine geringere Fähigkeit, mit den neuzeitlichen Menschen zu konkurrieren, und vor allem die Tatsache, dass sie es nicht schafften, sich zur Genüge kulturell und ökonomisch an die geänderten Naturbedingungen im Laufe der letzten Phase der Eiszeit anzupassen.
Im Vergleich mit dem Skelett des anatomisch modernen Menschen zeigt es sich (→ Exponat 4.1), dass die Neandertaler einen kleineren muskulösen robusten Körper mit kürzeren unteren Gliedmaßen und Unterarmen hatten. Sie waren 160–165 cm (Männer) und 150–155 cm (Frauen) groß. Ihr Schädel war länger und hatte ein niedrigeres Gewölbe mit ausgeprägt vorspringendem Gesicht und mit charakteristischen Wülsten über den Augen. Das Skelett des anatomisch modernen Menschen ist größer und graziler (männliches um 180 cm und weibliches um 160 cm). Sein Schädel ist kurz und hoch, das Stirnbein ohne Wülste. Das Gehirnvolumen vergrößerte sich jedoch nicht wesentlich.
Epochenkalender
Am Ostrand von Dolní Věstoniceist in der Wand der Tonabbaugrube der ehemaligen Ziegelei die geologische Schichtfolge aus der letzten Eiszeit erhalten, welche eine mehr als 110 000 Jahre dauernde instabile Entwicklung von Natur und Klima darstellt. Am deutlichsten schrieben sich die extrem kalten und trockenen Zeiträume ein, in denen kalte Winde Massen von feinem Staubmaterial aus der Oberfläche des wüsten, verwitternden hügeligen Geländes, welches sich in der weiteren Umgebung befand, auf die Pollauer Berge anwehten. Diese Schichten lagerten sich längs des Fußes der Pollauer Berge als homogener, feinkörniger, heller und kalkiger Löss ab. Die Kälte kulminierte in zwei Kältemaximen vor etwa 65 000 und vor 22 000 Jahren. In den wärmeren und feuchteren Zwischenzeiträumen hielt die Lössbildung immer an, und es begannen sich auf der Oberfläche die Böden zu bilden – dunklere Streifen, deren Entwicklungsstufe, Mikromorphologie und Farbe der Bedeutung der jeweiligen Erwärmung entsprechen.
In der tiefsten Lage der abgebauten Wand sieht man einen Streifen des braunen Waldbodens der Zwischeneiszeit (vor ca. 110 000 Jahren), es folgen drei schwarze Streifen von Steppenschwarzboden, die den wärmeren Schwankungen am Übergang der Zwischeneiszeit zur Eiszeit entsprechen. Die wesentlichen Teile der Wand werden von hellem Löss aus der kulminierenden Eiszeit gebildet. Eine nicht zu deutliche, hellbraune Schicht der Böden, die den Löss, ungefähr in der Mitte gliedert, indiziert eine Serie von vorübergehenden Erwärmungen.
Die menschlichen Besiedlungsspuren liegen an der Abgrenzungslinie dieser Schicht und des hängenden Lösses in einer Tiefe von 6 m (→ Exponat 4.2). Die Lage der Kulturschichten zeigt, dass die Abhänge der Polauer Berge zur Zeit um 30 000 die Menschen jedoch nur für den kurzen Zeitraum von einigen Jahrtausenden an lockten, in der Zeit in welcher die vorübergehenden bodenbildenden Prozesse (Spuren des Aurignacien) enden, und als die letzte mächtige Lössschicht (Gravetien) sich abzulagern beginnt. Die Erdböden im Liegenden der Kulturschichten zeugen davon, dass die Menschen hier noch in einem relativ günstigen Zeitraum erschienen, während der Löss im Hangenden bereits eine Abkühlung des Klimas beweist. Dennoch brachten mehr als 10 m Sedimente im Liegenden und 6 m im Hangenden dieser dünnen Schichtgruppe keinen weiteren Beweis für die Anwesenheit von Menschen.
Die eiszeitliche Landschaft
Die aus dem Bodenprofil entnommenen Proben ermöglichen es, nicht nur die einzelnen Schichten zu datieren und ihre Struktur zu untersuchen, sondern auch nach Spuren von Organismen und Pflanzen, die damals hier lebten, zu suchen. So lassen sich die Landschaft und deren Veränderungen rekonstruieren. Die paläobotanischen Analysen des Kohlenstoffes von Gehölzen und Blütenstaubkörnen zeigen, dass die klimatischen Bedingungen in der Zeit des Aufschwungs von Dolní Věstonicenicht so drastisch kühl und trocken waren, wie man bis jetzt vermutete. Es ist sogar wahrscheinlich, dass eben diese milden Erwärmungen, zu denen es während der Eiszeit periodisch kam, es den ersten Wanderungswellen des modernen Homo sapiens ermöglichten, in Europa einzudringen und hier seine Kulturen zu schaffen.
Die großen zusammenhängenden Gletscher zogen sich vorübergehend in den Norden nach Skandinavien und auch in den Süden in die Alpen zurück. Offene Flächen von kälteliebenden Steppen und Tundren wurden durch kleine Inseln von Gehölzen und wahrscheinlich auch durch ganze Bewaldungsstreifen geteilt. Den breit hingegossenen, mäandrierenden Flusslauf der Thaya umsäumten Erlen- und Weidenbestände; auf die Abhänge der Pollauerberge kletterten Fichten, Lärchen und Kiefern. Nur die hoch über der Landschaft liegenden Kämme des Maidenbergs und die Ebene des Tafelbergs blieben offensichtlich kahl. Auf den windgeschützten und durchsonnten Abhängen der Pollauer Berge breiteten sich auch wärmeliebende Laubgehölze wie Eiche, Buche und sogar auch der feuchtigkeitsliebende Eibenbaum aus. Diese reich gegliederte Landschaft war auch optimal für große Herdentiere, da sie zugleich einen offenen Raum mit pflanzlicher Nahrung in Fülle bot. Das günstige Klima, das offensichtlich sogar noch feuchter war als zu Beginn des Jungpaläolithikums, dauerteimmernochan, und dieLandschaft war daher auch mehr bewaldet.
Die Tiere rundum – Beute und Konkurrenz der Jäger
Charakteristisch für die Mammutjägerzeit ist eine große Vielfalt von Tierarten. Auf unserem Gebiet lebten damals viele jetzt ausgestorbene Tierarten (Mammut, Wollnashorn) oder jene, welche nur im Umkreis der nördlichen Länder (Rentier) vorkommen. Außer ihnen hielten sich hier auch viele Arten jener Säugtiere auf, welche bis jetzt hier überdauern, wie zum Beispiel Rothirsch, Europäisches Reh, Wildschwein, Braunbär, Alpengämse oder Alpensteinbock.
Es waren wahrscheinlich eben die großen Jagdwildherden in den Tiefebenen der Donau, welche die Menschen am meisten in diese Gegenden Europas lockten. Die Mammutherden scharten sich in der Flussaue, nahe dem Wasser. Rentiere und Pferde, welche dem heutigen Przewalski-Pferd ähnelten, durchkreuzten die leicht hügelige Landschaft in der Umgebung.
Das bis zu 5,4 Meter lange und von 2,0 bis 3,5 Metern hohe Mammut war mit seinen 30 Zentimeter langen braunen Haaren, mit seiner 2 Zentimeter dicken Haut und 10 Zentimeter starken Fettschicht gut für das Leben in der Eiszeit ausgestattet.
Nach dem Verhalten der Elefanten zu schließen, konnte eine zehnköpfige Mammutfamilie bei genügend Futter und Wasser ein Territorium von 10–70 km2 bewohnen. Man kann jedoch vermuten, dass Mammutherden, welche während ihrer Migration unter die Pollauer Berge gezogen waren, sicher aus bis zu hundert Einzelwesen bestanden. Die Mammut-, Rentier-, und Pferdeherden stellten die wichtigste Fleischquelle – Eiweißstoffe und Fette – für den Unterhalt den Menschen dar. Knochen, Zahnbein, Häute und weitere organische Rohstoffe dienten zur Herstellung von Werkzeugen und zum Bau ihrer Wohnstätten.
Diese Hauptquelle des Unterhalts unterstützten darüber hinaus Bisons (Auerochse), Wollnashörner und andere Steppenbewohner. Die ersten Analysen der Isotope aus menschlichen Knochen deuten an, dass die Ernährung ziemlich abwechslungsreich war, was die in den Siedlungen gefundenen Knochen zeigen. Die Jäger von großen Mammuten verschmähten auch nicht ziemlich kleine Tiere wie Hasen, deren Knochen stellenweise sehr häufig vorkamen. Es gab jedoch weniger Knochen von Vögeln und manchmal auch Fischgräten (sofern eben die spröden Reste erhalten geblieben sind). Es fanden sich auch zahlreiche Knochen von Füchsen und von Wölfen, welche wertvolle Felle für die Herstellung von Kleidung und Decken boten. Um die Siedlungen trieben sich natürlich auch gefährliche Raubtiere und Konkurrenten in der Jagd herum. Löwen, Hyänen und Bären, welche man verjagen oder töten musste.