Eine planmäßige Nutzung von Nahrungsmittel- und Rohstoffquellen ermöglichte es in einigen Gebieten, zum Beispiel im Siedlungsareal von Dolní Věstonice – Pavlov – Milovice,die ersten stabileren, fast ständig behausten Stationen (Pavlov I, Dolní Věstonice I) einzurichten, wo sich ihre sesshaftere Lebensweise nicht nur in der Siedlungskultur, in den verschiedenen Arten von Wohnstätten und in den Gegenständen des Alltagsbedarfs, sondern auch in der ästhetischen und künstlerischen Äußerung sowie in der Entwicklung von neuen fortschrittlicheren Technologien (Keramik, Textil, Schleifen von Stein) zeigte. Obwohl die Menschen die großen Siedlungen offensichtlich ganzjährig bewohnten, war der Jahreszyklus bestimmt dynamisch, und Jägergruppen folgten jahreszeitbedingt der Beute und den Rohstoffen zu anderen Standorten. Die kleineren Lagerstätten wurden eher im Frühling, im Sommer und im Herbst besiedelt.
Siedlungen und Hütten
Abgesehen von den spezialisierten und funktionell einseitig vorgesehenen Stellen (zum Beispiel Ablagerungen von Mammutknochen, jene Stellen, wo die Beute bearbeitet wurde usw.) ist das Grundelement der meisten gravettienzeitlichen Siedlungen eine Wohnanlage, in welcher sich eine oder mehrere Feuerstellen und verschiedene Typen von Vertiefungen im Boden befanden. Charakteristisch für sie ist die Anhäufung von größeren Gegenständen an deren Rand und eine damit zusammenhängende Konzentration von Artefakten. So eine Wohnanlage wird als Hütte interpretiert, in welcher und um welche herum sich der ganze Lebens- und Arbeitsraum konzentriert. Die großen Jäger-Siedlungen, wie zum Beispiel Dolní Věstonice und Pavlov, bestehen aus einigen Wohnstätten, auch wenn sie nicht alle gleichzeitig existieren und dadurch ein Dorf bilden mussten.
Der Grundriss der einzelnen Hütten (→ Exponat 8.7) ist nicht immer archäologisch gut lesbar, denn nur selten wurde längs des Umkreises ein deutlicher Fundamentkranz aus Stein oder großen Knochen hergestellt. Solch eine Wohnanlage hat standardmäßig einen Durchmesser von ca. 5 Metern. Die Hütte, welche auf einem solchen Grundriss aus einem Holzgerüst und einem Dachbelag aus Leder rekonstruiert wurde, ist abgeleitet von Bauformen und Bautechniken, welche sich seit hunderttausenden von Jahren in den kalten, subarktischen Gebieten von Nordamerika und Asien bewährten. Solch ein Bauwerk (Tepee, Jurte oder Tschum) muss konstruktiv einfach und zugleich fest und dabei gut beheizbar sein. Es muss dem Wind standhalten und die Schneelast tragen.
Aufgrund der archäologischen Aufzeichnungen (Existenz der entsprechenden Siedlungsstrukturen) unterscheidet JiříSvoboda in den gravettienzeitlichen Siedlungen vier Grundtypen von Bauten. Der erste Typ ist eine leichte, jedoch stabile Wohnanlage mit einem Holzgerüst in der Art einer Jurte und mit Leder bedeckt; wenn diese Dachbedeckung im Winter fror, wurde der Bau (Abb. 10, 11) dadurch definitiv gefestigt. Man erwägt auch die Möglichkeit, dass die Erde als Mauerlehm zum Dichten von Ruten- und Knochengerüsten angewendet wurde.
Der zweite, ziemlich spezifische Typ stellt eine Anlage dar, deren Umrandung mit einem Kreis aus Mammutknochen gesäumt ist. Die Mammutknochen stabilisierten den Bau gegen Stürme. Solche Bauten waren im Steppenmilieu vorteilhaft – in jener Zeit, als das Klima allmählich schlecht wurde. Der erste zusammenhängende Kreis solch einer Wohnanlage, mit einem Durchmesser von fast 8 Metern, wurde im oberen Teil des Fundortes Dolní VěstoniceI und eine ähnliche Struktur auch an der Fundstelle Milovice I entdeckt. Die vollkommenensten Bauten dieses Typs sind aus dem östlichen Europa (Fundorte Mežirič, Mezin) bekannt, bei denen Mammutknochen nicht nur den Fundamentkranz, sondern auch den Deckmantel bildeten.
Der dritte Bautyp wird im Terrain durch sanfte Vertiefungen eines kreisförmigen bis nahezu ovalförmigen Grundrisses, mit Abmessungen von 4 bis 8 Metern, abgegrenzt. Solche Wohnanlagen wurden immer mit einer oder mehreren Feuerstellen ausstattet. Nur selten wurden solche Anlagen entlang ihrem Rand mit größeren Gegenständen meist unregelmäßig umsäumt (z.B. Objekte 1, 3, 5, 8, 9 am Fundort Pavlov I und Objekt I im Areal von Dolní Věstonice I). Der Boden der Objekte wird manchmal durch schüsselförmige Gruben und kleinere kesselförmige Vertiefungen gegliedert. Es handelt sich um einen leichten Wohnungstyp, eher ein Saison-Zelt, das dem Wind nicht so gut standhalten konnte. Die Traggerüstelemente blieben nicht erhalten, sodass deren Rohstoff höchstwahrscheinlich Holz war, d.h. ein archäologisch schwer nachweisbares Material. Das Holzgerüst wurde mit Leder bedeckt.
Den letzten Bautyp stellen die Feuerstellen im flachen Terrain ohne Spuren nach einer Umfangabgrenzung dar. Die hypothetische Überdachung muss man aufgrund der „latenten“ Strukturen rekonstruieren, welchen sich aus den verstreut liegenden Artefakten ergeben, welche in einem solchen Fall charakteristische Muster bilden, zum Beispiel in der typischen Form eines Kreises, oder der sog. Barriereeffekt, wenn sich Gegenstände an der Wand der hypothetischen Behausung anhäufen.
Der paläolithische Haushalt – Feuerstellen und kleine Kochgruben
Für das mährische Gravettien ist eine beträchtliche Variabilität in Größe und Typ der Feuerstellen charakteristisch. Die dünnen übereinander liegenden kohlenstoffhaltigen Schichten deuten darauf hin, dass eine Reihe von Feuerstellen wiederholt erneuert wurden. Bohuslav Klíma spricht in einigen Fällen sogar über Öfen, obwohl man im Allgemeinen keine völlige Überwölbung der Feuerstelle annimmt. Gelegentlich wurde die Feuerstätte offensichtlich von einem ziemlich hohen Erdwall umschlossen. Ein Teil der ausgebrannten Klümpchen bröckelte zweifellos aus einer solchen Erdwallanlage oder aus der ursprünglichen Ausschmierung des Ofens heraus. Die Vermutung, dass Öfen in Gebrauch waren, würden auch die Kanäle, welche die Feuerstelle mit Luft versorgten (Dolní Věstonice I), schüsselförmige Gruben – vielleicht zum Ausscharren der Asche an den unteren Rändern der Feuerstellen (Dolní Věstonice II) – und auch Steine, die als Wärmespeicher zur Verlängerung des Herdheizvermögens (Dolní Věstonice II) dienten, beweisen. Als Brennstoff benutzte man Holz, in einigen Feuerstellen auch Mammutknochen und in Petřkovice bei Ostrava wurde sogar die Nutzung von Steinkohle nachgewiesen.
Am Fundort von Dolní Věstonice II liegen an den Feuerstellen leichte schüsselförmige Vertiefungen, welche zum Ausscharen der Asche, eventuell zum Backen in dieser Asche dienen konnten, und ein Kreis von kesselförmigen Gruben, und zwar in einem Abstand von ca. 1 m, welche mit der Tätigkeit der paläolithischen Küche zusammenhingen. Diese kesselförmigen Gruben werden als Erdkochgruben interpretiert – als Ersatz für Geschirr. Die Methode des Kochens in Erdgruben ist bekannt und wird auch in der Gegenwart bei subarktischen Indianern und Eskimos verwendet; Ein Beutel mit Wasser und zum Beispiel mit zerschlagenen Knochen, wird in die Erdgrube platziert, und das Wasser im Beutel wird durch erhitzte Steinen aus dem nahen Feuer zum Sieden gebracht.
Einwohnerzahl
Unter Bezugnahme auf das Ernährungspotential der Umgegend vermutet man eine nicht allzu große Populationsdichte von Jägern – sie bewegte sich zwischen 2 – 10 Einzelwesen pro 100 km2. Wenn wir in den Tiefebenen und den Hügellandschaften des mittleren Donaugebiets mit einem Raum von 250 000 km2 rechnen, dann könnte die Jägerpopulation eine Einwohnerzahl von 5 000 – 25 000 erreicht haben. Diese Angabe ist ungefähr vergleichbar mit der Angabe über die ursprüngliche Indianerbesiedlung der ähnlich großen Regionen auf dem Gebiet des jetzigen Kanadas.
Es wird vermutet, dass in einer Hütte durchschnittlich zehn Bewohner leben konnten. Bei den langfristig behausten Siedlungen sind jedoch diese demografischen Schätzungen, welche von ihrer Größe und Struktur abgeleitet werden, problematisch, weil man für gewöhnlich nicht sicher ist, wie viele der entdeckten Hütten zur gleichen Zeit an einer Stelle standen. Wenn man in den größten Siedlungen das Bestehen von fünf bis zehn Hütten vermutet, dann könnte die Einwohnerzahl vorübergehend 100 Menschen erreicht haben – zum Beispiel während der gemeinsamen Jagd, der anschließenden Beuteverarbeitung, während der Feiern und Rituale. Das ist bei Jägern und Sammlern zwar eine ziemlich hohe Anzahl, aber sie würde sich für organisierte Tätigkeiten eignen. Zum Beispiel formierten sich im 19. Jahrhundert auf den amerikanischen Prärien Indianergruppen von 50 bis 100 Mitgliedern zur Jagd auf Bisons und deren Verarbeitung.
Die älteste Keramik
Die mährischen Fundorte boten Nachweise der ältesten Keramik der Welt. Die größten Sammlungen dieser Artefakten entstammen den großen und komplexen Siedlungen von Dolní Věstonice I und Pavlov I, wo nicht nur die zufälligerweise ausgebrannten Klümpchen aus jener Erde, welche den Wall um die Feuerstelle herum bildete oder die zum Ausschmieren des Traggerüstes der Wohnstätte verwendet wurde, sondern auch Fragmente von modellierten Tieren sowie von Menschen entdeckt wurden. Aus gebranntem Ton wurde auch die Venus von Věstonice hergestellt (→ Exponat 10.4).
Ein Teil der keramischen Figürchen wurde in noch feuchten Zustand absichtlich beschädigt, wie die Spuren von gewaltsamem Brechen, von Einstichen mit scharfen Gegenständen oder von der Verformung durch den plötzlichen Temperaturschock beim Brennen beweisen (→ Exponat 5.3). Diese Beschädigung hing wahrscheinlich mit rituellem Verhalten oder einer symbolischen Funktion dieser Artefakte zusammen. Von diesem Gesichtspunkt aus ist der Fund des Restes einer Wohnanlage am Fundort Dolní Věstonice I. interessant. Die Hütte befand sich abseits der Siedlung, von welcher ein Teil ein bisschen tiefer in den Abhang hinein gelegt wurde, und besaß eine große Feuerstelle, um welche herum mehr als 2 000 aus Ton modellierte und gebrannte Klümpchen und auch Bruchstücke von Figürchen gefunden wurden.
Der Hauptrohstoff zur Herstellung von Keramik war hiesiger Löss, gebrannt bei Temperaturen zwischen 500 und 800°C. Die konkreten Terrain-Situationen der Forschung in Dolní Věstonicedeuten darauf hin, dass zum Erreichen der erforderlichen Glut kleine Luftkanäle, die Ränder von Feuerstellen, welche wie bei einem Ofen hoch gelegt waren, oder auch bloße Steine, welche man als Wärmespeicher hinein gegeben hatte, helfen konnten.
Das erste Textil
Die gebrannten Tonbruchstücke haben die Fähigkeit, auf ihrer Oberfläche die Abdrücke organischer Stoffe und Strukturen, welche sonst nicht erhalten blieben, zu konservieren. Bei der mikroskopischen Beobachtung kann man verschiedene Arten von Abdrücken finden – nicht nur Fingerabdrücke von Erwachsenen und Kindern, welche den noch feuchten Ton berührten, Spuren von pflanzlichen Rohstoffen, Tierhaaren, sondern auch die einander überschneidenden Fäden, welche der Struktur einer Textilbindung entsprechen. Die ausführliche Untersuchung ermöglichte es, einige Arten von Bindungen zu erkennen, wie Abdrücke gedrehter Schnüre, von Knötchen und Netzen.
Die gebrannten Tonbruchstücke sind maximal so groß wie ein Fingernagel, deshalb gibt es bisher keine genaue Vorstellung, wie jene Textilien aussahen, wie groß sie waren und wozu sie dienten. Es könnte sich um Bekleidungszubehör gehandelt haben – die Jäger verzichteten bestimmt nicht auf die Felle, welche als bewährter Grundstoff zur Erzeugung von Bekleidung dienten –, weiters feine Matten, kleine Körbe und im Knötchenfall könnte es auch um Netze gegangen sein, welche heutige Jäger oft zur Jagd auf kleinere Tiere und beim Fischfang verwenden.
Bei der Erzeugung von Geweben wurde eine Reihe von Hilfsmitteln gebraucht – ein einfacher Rahmen, ein Gewicht und Webwerkzeuge. Die Weber verwendeten wahrscheinlich Pflanzenfasern, zum Beispiel solche der Nessel, welche in der ethnografischen Aufzeichnung aus Europa die am besten nachgewiesene Tradition hat und die in der Pollenstruktur aus Dolní Věstonice II auch vorkommt.
Die gefundenen Abdrücke der Textilstrukturen deuten darauf hin, dass die Kenntnis dieser Technologien einige Jahrtausende älter ist als bisher vermutet. Es handelt sich keinesfalls um irgendwelche „erste Versuche“, sondern um ein entwickeltes Stadium dieser Verfahren. Obwohl der älteste Fund einer Pflanzenfaser erst neulich aus Georgien gemeldet wurde, sind die Abdrücke der Textilstrukturen von Pavlov die ältesten ihrer Art im Weltmaßstab.