9 Bestattungen

Was anthropologische Funde betrifft, stellen die Fundorte in den Gebieten von Dolní Věstonice – Pavlov – Milovice eines der bedeutendsten Siedlungsareale im Europamaßstab dar. Unsere gravettienzeitlichen Fundorte lieferten die größte und nachweislich älteste Serie von Skelettresten des modernen Menschen, welche die Anthropologie heute zur Verfügung hat.

 

Die anthropologischen Funde von Dolní Věstonice und Pavlov werden mit arabischen Ziffern (zum Unterschied von römisch bezifferten Fundorten) nummeriert. Der vollständige Katalog der Funde von Dolní Věstonice umfasst bis jetzt 64 Posten und der von Pavlov 33. Von den Skeletten der in den Gräbern rituell bestatteten Einzelpersonen abgesehen (sechs komplette Skelette – Dolní Věstonice 3, 13–16 und Pavlov 1; Näheres siehe Verzeichnis der kompletten Skelette), sind weitere Fragmente menschlicher Knochen und vereinzelte Zähne dokumentiert. Zu den letzten Funden gehören die Knochengerüste von zwei menschlichen Händen, welche gemeinsam an einer Stelle in der Siedlung von Pavlov I aufbewahrt worden waren. Falls dieser Fund nicht jenen Gräbern entstammt, welche durch natürliche Faktoren (Raubtiere, geologische Vorgänge) zerstört worden waren, kann er einen unterschiedlichen Umgang mit Toten und vielleicht auch eine soziale Differenzierung der Gesellschaft nachweisen.

 

Im Jahre 1949 wurde am Fundort von Dolní Věstonice I das extreme Hockerskelett einer Frau entdeckt, im Jahr 1957 folgte ein in Pavlov I begrabener Mann, in den Jahren 1986 und 1987 ein Grab mit drei Skeletten junger Menschen und schließlich das Grab eines alten Mannes, welcher an der Feuerstelle inmitten einer Hütte bestattet worden war.

 

Die Toten von Dolní Věstonice wurden zwar sorgfältig bestattet, aber für den Weg ins Jenseits wurden sie nur spärlich ausgerüstet. Bei den gefundenen Skeletten, vor allem um die Schädel herum, wurden nur durchbohrte Zähne von Raubtieren (→ Exponat 9.2) und kleine aus Mammutelfenbein geschnittene Perlen gefunden, welche als Schmuck der Bekleidung und hauptsächlich der Mützen dienten. Nach den Schmuckstücken zu schließen, die wir frei verstreut in den Siedlungen finden, mussten sich die Menschen während ihres Lebens reichlicher geschmückt haben. Der Schädel und manchmal auch das Becken waren mit rotem Farbstoff überzogen (Näheres siehe Kapitel Verwendung von Mineralstoffen).

In manchen Fällen scheint die Lage selbst und die Gesten der Skelette von bestatteten Menschen, die in ihrer Nahe gefundenen Gegenstände und bestimmte Verletzungen, falls sie an ihren Knochen bemerkbar sind, eine symbolische Bedeutung zu haben.

 

Am Fundort von Dolní Věstonice II (Grab mit 3 Skeletten – DV 13–15) zeigten die drei Skelette junger Menschen die Lage derart an, dass es den Eindruck erweckt, als ob der links liegende junge Mann den Farbstoff auf den Schoss des in der Mitte liegenden Einzelwesens geschüttet hätte – seine Hände waren absichtlich auf das Becken der daneben liegenden mittleren Einzelperson gelegt, deren Geschlecht bisher nicht bestimmt wurde. Der letzte der Bestatteten, ein junger Mann, lag auf dem Bauch (→ Exponat 9.1).

 

Weiters bieten sich Zusammenhänge und Parallelen zwischen den Gräbern und bestimmten Symbolen an, wie zum Beispiel zwischen dem Grab der Frau von Dolní Věstonice 3, welche jene pathologischen Zeichen aufwies, welche eine Asymmetrie des Gesichts zur Folge haben, und dem Miniaturfrauenkopf aus Mammutelfenbein mit dem detailliert ausgearbeiteten Gesicht und mit dem schief skizzierten Mund, welche an demselben Fundort entdeckt wurde (→ Exponat 11.1)

 

In den paläolithischen Ritualen war die Körperlage der Toten noch nicht bestimmt oder verbindlich und hing weder vom Alter noch vom Geschlecht oder von der Bedeutung des Toten ab. Man bestattete die Toten auf dem Rücken, auf dem Bauch oder auf der Seite liegend mit auffällig angewinkelten Beinen, und zwar manchmal so extrem, dass der Körper vielleicht bereits in lockerem Zustand bestattet worden sein musste, d.h. einige Monate nach dem Tod. In Europa wurde die Bestattung offensichtlich nur ausnahmsweise auch durch Verbrennen vorgenommen, wie zum Beispiel das Grab eines Kindes aus dem Fundort von Dolní Věstonice (Grab DV 4) zeigt.

 

Das Eintiefen der Grabgruben war in Mähren im Allgemeinen selten, auch wenn so wie an anderen Orten der Schutz der Leichen vor Raubtieren und Witterungseinflüssen unentbehrlich war. Die archäologischen Aufzeichnungen beweisen, dass der Körper der Toten auf unterschiedliche Weise geschützt worden war – mit Mammutschulterblättern (das Grab der Frau von Dolní Věstonice 3oder das Grab des Mannes von Pavlov 1), mit Steinen oder auch mit einem Holzgerüst (wahrscheinlich das Grab mit den drei menschlichen Skeletten DV 13–15). Der Mann, dessen Gebeine in Dolní Věstonice (Grab DV 16) entdeckt wurden, lag nach der Gesamtinterpretation der durchforschten Fläche in einer Hütte an der Feuerstelle, deren Heizdauer durch die beigelegten Kalksteinblöcke, welche als Wärmespeicher wirkten, verlängert wurde.

 

Keinen Schutz konnte jedoch eine künftige Verletzung von Gräbern durch geologische Vorgänge bieten, wenn das ganze Gebiet von ihnen betroffen war. Zu einer Beschädigung der sterblichen Überreste konnte es aber noch vor dem Hineinlegen ins Grab kommen, zum Beispiel, wenn der Jäger im Winter starb und es dann äußerst schwierig war, eine Grabgrube auszuheben. Die Hinterbliebenen dachten sicher darüber, ob sie zugunsten des Toten eine ihrer Behausungen aufgeben sollten. Dann konnte eine provisorische Bestattung erfolgen, und die definitive Beisetzung der gestörten Gebeine wurde erst im Frühling vorgenommen.

 

Man kann schwer sagen, ob einer der Verstorbenen in der damaligen Gesellschaft eine bedeutende Rolle spielte, vielleicht als Häuptling oder als Schamane. Die Rolle einer Schamanin wird manchmal der Frau von Dolní Věstonice, jenermit demschiefenGesicht,zugeschrieben, doch mehrere Argumente würden zugunsten des rätselhaften mittleren Einzelwesens aus dem Grab mit den drei menschlichen Skeletten sprechen. Seine zentrale Lage zwischen zwei Männern (möglichen Begleitern), weiters die Krankheiten, welche es zu Lebenszeiten offensichtlich durchmachte, und vor allem seine geschlechtliche Undifferenziertheit, die bei einigen Naturvölkern nicht für ein Handicap, sondern für eine besondere Gabe, nämlich eine Macht- und Kraftquelle, gehalten wird, würden dies möglich erscheinen lassen.

 

Mit rituellen Zeremonien werden auch jene gefundenen Bruchstücke von menschlichen Schädeln verbunden, welche in eine gewünschte Zweckform gebracht wurden, die man als rituelle Kelche interpretieren kann. Es gab zwei solche Funde aus der Forschung von Karel Absolon am Fundort von Dolní Věstonice I (DV 1 und DV 2 – sie wurden beim Brand im Schloss von Mikulov zerstört). Eine weitere Schädelkalotte wurde von Bohuslav Klíma am Fundort Dolní Věstonice II entdeckt. Es ist interessant, dass sich diese „Kelche“ nicht weit von den rituellen Gräbern entfernt befanden (DV 3 und DV 13–15).

 

Verwendung von Erdfarbstoffen

Mit dem Bestattungsritus der gravettienzeitlichen Jäger hängt auch eng die Verwendung von rotem Farbstoff zusammen, mit dem oft der Schädel und manchmal auch das Becken der Toten überzogen wurde, zum Beispiel beim Grab mit den drei menschlichen Skeletten (DV 13–15) oder beim Grab des Mannes am Fundort von Dolní Věstonice (DV 16), wo dicht bei ihm auch ein Bruchstück der Reibsteinplatte mit Spuren von Farbstoff gefunden wurde. Die Verwendung von Farbstoff hatte in Verbindung mit Bestattungen zweifellos eine rituelle Bedeutung – möglicherweise als Symbol für das Blut oder für das Leben. Im Allgemeinen kann jedoch im Fall der Siedlungen ausgeschlossen werden, dass die Farbstoffe bloß einem ästhetischen oder praktischen Zweck dienten – als Streupulver für den Boden in der Behausung, zum Anstrich als Schutz vor Insekten oder bei der Bearbeitung von Fellen.

 

An den gravettienzeitlichen Fundorten treten Funde von Stückchen verschiedener Farbstoffe relativ häufig zu Tage – bei uns kommen Mineralerze von roter, ocker und gelber Farbe am häufigsten vor. An den Fundorten Dolní Věstonice I und II sowie von Pavlov I gibt es Stellen, an denen Farbsteinbrocken von roter und gelber Farbe gemeinsam mit Steinplatten und auch mit Quetschern zu deren Zerreiben angehäuft sind (→ Exponat 9.4). Die Farbstoffe wurden durch das Quetschen jener Farbsteinbrocken mit Hilfe von Quetschern (Rollsteinen) auf den Steinplatten und durch darauffolgendes Mischen mit Wasser oder Fett hergestellt. Wenn wir die Reibeprodukte der stichprobenweise gewählten Farbsteinbrocken vergleichen, zeigen sich mindestens acht Farbtöne, was eine überraschend bunte Farbpalette darstellte.

 

Verzeichnis der kompletten Skelette

Dolní Věstonice 3, Fundort DV I – oberer Teil. Frau, 36–45 Jahre, 158–159 cm groß, minimales Gewicht 56 kg, sie befand sich in Hockerposition in Seitenlage, nach Nordwesten orientiert, mit rotem Farbstoff am Schädel und auf dem Oberkörper, versehen mit zehn durchbohrten Fuchszähnen.

 

Dolní Věstonice 13, Fundort DV II – Hügelscheitel. Mann, 21–25 Jahre, 168–169 cm groß, Gewicht ca. 65 kg, er befand sich als links Liegender in dem Grab mit den drei menschlichen Skeletten, auf dem Rücken liegend, ein wenig gegen DV 15 hin gedreht, nach Südosten orientiert, mit Farbstoff am Schädel, versehen mit zwanzig durchbohrten Raubtierzähnen und Anhängern aus Mammutelfenbein.

 

Dolní Věstonice 14, Fundort DV II – Hügelscheitel. Mann, 16–20 Jahre, 179–180 cm groß, Gewicht ca. 68 kg, er befand sich als rechts Liegender in dem Grab mit den drei menschlichen Skeletten, auf dem Bauch liegend, nach Süden orientiert, mit Farbstoff am Schädel, versehen mit drei durchbohrten Wolfzähnen und Anhängern aus Mammutelfenbein.

 

Dolní Věstonice 15, Fundort DV II – Hügelscheitel. Geschlechtlich undeterminiertes Einzelwesen, 21–25 Jahre, 159 cm groß, Gewicht 66–68 kg, es befand sich als mittleres in dem Grab mit den drei menschlichen Skeletten, auf dem Rücken liegend, nach Süden orientiert, mit Farbstoff am Schädel und auf dem Becken, versehen mit vier durchbohrten Fuchseckzähnen.

 

Dolní Věstonice 16, FundortDV II – WestabhangMann, über 45 Jahre, 171 cm groß, Gewicht 68–69 kg, er lag in Hockerposition in Seitenlage an der Feuerstelle, nach Osten orientiert, mit Farbstoff am Schädel und auf dem Becken, versehen mit vier durchbohrten Fuchszähnen.

 

Pavlov 1, Fundort Pavlov I – Nordwesten. Mann, 36–45 Jahre, 172–178 cm groß, Gewicht um 70 kg, er befand sich offensichtlich ursprünglich in Hockerposition, seine Lage wurde zuletzt jedoch durch Böschungsrutschungen verändert.

Exponate

9.1 Dreifachbestattung

Das gemeinsame Grab dreier Jugendlicher wurde am 13. August 1986 am Bergfuß (Lokalität Dolní Věstonice II) entdeckt.

9.2 Anhänger oder Stirnband aus durchbohrten Tierzähnen

Die ähnlich durchbohrten Zähne von Raubtieren, die als Verzierungen mit der Funktion eines Anhängers interpretiert werden. 

9.3 Klinge aus Feuerstein

Die Klinge wurde aus Feuerstein erzeugt. Sie befand sich in der Dreifachbestattung unter den Beinen der mittleren Person DV 15.

9.4 Mineralischer Farbstoff und Rekonstruktion seiner Bearbeitung

Die Bedeckung der Körper derToten mit rotem Farbstoff stellt ein charakteristische Merkmal des Bestattungsritus‘ im jüngeren Paläolithikum dar.